Wer wird die Tür öffnen? Michiko Kusaki, Angelika Köhlermann oder Anne Hamburg? Nun, es öffnet Anne Laplantine, was aufs Gleiche herauskommt, denn gerade nennt sie sich so. Ist ja auch egal, unter welchem Namen einen keiner kennt.

Anne Laplantine, 31, Französin in Berlin, wohnt in der Weichselstraße, im Lebenskünstlerstadtteil Friedrichshain. Unten fährt die Straßenbahn vorbei, oben hat sie ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Tagein, tagaus zwischen Schlafstatt und PC auf dem Fußboden hockend, erfindet sie ihre poetische Musik.

Banjo, Ukulele, Gitarre, Glockenspiel, Akkordeon und Flöte sind auf ihrem neuen Album zu hören. Meist nur ein Instrument zur Zeit, aber nie eins zu eins. Sie nimmt Ton für Ton auf, zerschneidet das im Computer und arrangiert die Partikel zu barock anmutenden Fugen. Man hört die Wärme des Laplantineschen Atems, das feine Knistern digitaler Collage und etwas Gebrumm, wie man es leicht im Lautsprecher hat, wenn Geräte nicht richtig geerdet sind.

27 Minuten und 12 Sekunden – kontemplativ, liedhaft, herzerwärmend, à jour: der Rummelplatz des Lebens als kammermusikalische Etüde. Discipline wollte sie das Album nennen, eine Hommage ans Gastland, doch dann hat sie sich an die Schreibmaschine gesetzt und beim Beschriften des Covers das S vergessen, und nun heißt es Dicipline, was ja auch ein ziemlich perfekter Titel ist (erschienen bei emphase/Hausmusik).

Besucher bittet sie gern in die Küche auf einen Kaffee. Wenn es nicht zu kalt ist, kann sie ein gepunktetes, knappes Sommerkleid anlegen und darin so zierlich erscheinen, dass es nicht verwunderlich wäre, würde sie vom nächsten Windhauch durchs geöffnete Fenster hinausgetragen. Sie setzt sich aber und spricht mit großem Ernst über Kunst. Auf Englisch – denn sosehr sie Deutschland fasziniert, mit der Sprache hapert’s. Aus Lyon kam sie nach Paris, Studien der Musik und Illustration, erste Platten, dann Hamburg, dann Berlin, und es sieht ganz so aus, als ob sie hier bliebe.

Die Eigenart ihres Werks wüsste sie auch in ihrer Muttersprache nicht zu beschreiben, da müssen Hörer Worte finden: für dieses Fesliche, Feieliche, Ehabene, dem zur Vollendung wenig fehlt, das aber deutlich, und dem stets etwas Körniges anhaftet, ganz so, als seien die Stücke am Rande einer Chaussee kurz in den Sand gefallen.

"Klänge müssen kraftvoll sein, um etwas zu erzählen", sagt die Musikerin. "Aber auch ganz schwache Klänge wollen hinaus in die Welt." Sie spiele mit den Tönen auf dem Bildschirm, ja, sie male Bilder mit ihnen, und sie behalte jene, die ihr gelungen erscheinen.

Auf dem Küchentisch liegt die gelbliche Plastikflöte, die sie für ihre Aufnahmen verwendet. Eine Mark habe die gekostet, in Hamburg auf dem Flohmarkt, ja, Materialbeschaffung, auch so ein Thema: gern billig, alte Technik, Kofferplattenspieler für sieben Euro, von denen sie dann drei in einem Club aufbaut, vor die Boxen Mikrofone stellt, deren Kabel in ein Mischpult führen, und dann legt sie Platten auf, als habe sie noch nie einen DJ gesehen.