Es ist lächerlich, dass die Teilnehmer am deutschen Börsenhandel acht verschiedene Börsen mitfinanzieren müssen." Mit diesen Worten forderte 1997 der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank Rolf-E. Breuer den Ausstieg der regionalen Börsen in Deutschland aus dem Aktienhandel. Eine Frechheit, schallte unisono die Antwort nicht nur aus den kleineren Börsenplätzen zurück. Der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu stellte sich hinter die Münchner Regionalbörse und konterte: "Über die Zukunft der Regionalbörsen entscheidet der Markt."

Der Markt hat entschieden: Trotz – aber auch gerade wegen – des scheinbar übermächtigen Xetra-Handelssystems in Frankfurt halten sich die kleinen Handelsplätze. Unter den Börsen ist ein Wettbewerb ausgebrochen, der funktioniert und vor allem den Bedürfnissen privater Anleger entgegenkommt. Zwar scheint es kaum Alternativen zum vollelektronischen Handel über die Xetra-Plattform in Frankfurt zu geben; immerhin verkündet die Frankfurter Börse, dass bei den Dax-30-Aktien 97 Prozent des Handelsvolumens über Xetra laufen. Doch diese isolierte Betrachtung zeichnet ein schiefes Bild.

Die Depotbank kassiert

So macht das Xetra-Handelsvolumen bei den kleineren M-Dax-Werten nur noch 90 Prozent aus, bei Auslandsaktien liegt der Anteil noch deutlich niedriger. Bei der Betrachtung des Umsatzes profitiert die Xetra-Statistik von den Großaufträgen der Banken, Fonds und Versicherungen, die fast ausnahmslos über den elektronischen Handel ausgeführt werden. Wird hingegen nur die Anzahl der Aufträge unabhängig von deren Höhe betrachtet, relativiert sich die Marktmacht von Xetra. 72 Millionen Orders liefen im Jahr 2003 über die Xetra-Bildschirme, während im maklergestützten Handel in Frankfurt und an den Regionalbörsen rund 22 Millionen Wertpapierorders abgewickelt wurden.

Vor allem um die Orders der Privatanleger und kleineren Vermögensverwalter ist ein erbitterter Kampf zwischen Mensch und Maschine entbrannt. Der Handelsroboter Xetra glänzt mit Schnelligkeit in den Massentransaktionen und führt bei den viel gefragten Dax-Aktien oft mehrere Orders pro Sekunde aus. Doch für Privatanleger kann die Automatik Nachteile bringen. Die Kauf- und Verkaufsaufträge werden beim Zusammenführen oft zerstückelt und in mehreren Einzelaufträgen – so genannten Teilausführungen – abgewickelt. Zwar berechnet dabei die Börse keine Extragebühr, wohl aber viele depotführende Banken. Es kann daher vorkommen, dass ein Kunde für einen Auftrag bei mehreren Teilausführungen die Bankgebühr zwei- oder dreimal entrichten muss. Dazu kommt, dass zwischen Kauf- und Verkaufskursen eine Differenz entsteht, im Maklerjargon Spread genannt. Damit bezahlt der Anleger indirekt, indem er entweder etwas teurer kauft oder etwas weniger Gewinn beim Verkauf erzielt. Die Spanne liegt im Dax je nach Marktlage meist bei einem bis zehn Cent pro Aktie, im M-Dax kann der Spread auch mal auf 50Cent steigen.

An dieser offenen Flanke greifen einige Regionalbörsen mit ihrem maklergestützten Handel Xetra massiv an. So hat die Münchner Börse, die vor einigen Jahren noch in der Bedeutungslosigkeit zu versinken drohte, im Mai vergangenen Jahres mit dem Start ihres Max-One-Handelssystems den Befreiungsschlag gewagt. Ein Vorteil im Vergleich zu Xetra: Im Internet sieht der Anleger sofort, bis zu welcher Ordergröße bei seiner Aktie die Ausführung des Auftrags ohne Aufsplittung möglich ist. "Die Preise für die Papiere sind dabei immer besser oder mindestens so gut wie am liquidesten Referenzmarkt", sagt Christine Bortenlänger, Geschäftsführerin der Börse München. Sie verweist dabei auf interne Stichproben, nach denen in 82 Prozent der Fälle der Kunde in München ein besseres Angebot bekam als an anderen deutschen Börsen. Für die Münchner hat sich der Kraftakt gelohnt: Während vom ersten Quartal 2003 bis zum ersten Quartal 2004 der Aktienumsatz an allen deutschen Börsen um durchschnittlich 45,8 Prozent stieg, verzeichnete München ein Wachstum von 407 Prozent.

Auch in Stuttgart heißt die Devise "Besser als Xetra". Dax-30-Aktien werden dort bis 17.30 Uhr ohne Spread gehandelt, bei Aktien aus den Indizes M-Dax, TecDax und S-Dax garantiert Stuttgart, dass der Kurs im Vergleich zu Xetra um mindestens einen Cent besser ist. Bis 10000 Euro Ordervolumen wird in diesen Segmenten – ausgenommen der S-Dax – sowie bei Werten aus Eurostoxx 50, Dow Jones und Nasdaq 100 die Vollausführung garantiert. Düsseldorf bietet mit dem "Quality Trading" zwar die Vollausführung bei Dax-30-Werten bis 30000 Euro, der Anleger muss jedoch dabei mit dem Xetra-Spread kalkulieren. Längere Handelszeiten bis 23 Uhr und bessere Bedingungen bietet das Quotrix-System, doch an dieses sind nur drei kleine Discountbroker und die Commerzbank angeschlossen.

Andere Wege geht die Börse Berlin-Bremen, die im vergangenen Jahr als Betreiberin von Nasdaq Deutschland den hektischen Ausstieg der US-Technologiebörse aus dem Deutschlandgeschäft verkraften musste. "Wir sehen uns als Pionier im Handel mit US-, Osteuropa- und China-Aktien", sagt Sprecherin Eva Klose. Rund 9000 Aktien aus 63 Ländern sind dort gelistet, davon entfallen mittlerweile 1000 Titel auf China. Dazu kommt seit dem vergangenen Jahr der Börsenhandel mit Investmentfonds, bei dem Anleger Fondsanteile ohne Ausgabeaufschlag erwerben können. Durchschnittlich rund 13500 Transaktionen werden in diesem Segment pro Monat abgewickelt.