In England und Amerika neigen die Menschen zum Weinen, wenn sie Tschaikowsky hören. Das ist, leicht verkürzt, eine These des Analytikers Adorno, dem auf der Couch angelsächsischer Haushalte oft der Typus des "emotionalen Hörers" begegnete. Der, sagt Adorno im Jahr 1962, ist hochgradig gefährdet, weil ihn "der striktere zivilisatorische Druck zum Ausweichen in unkontrollierbar inwendige Gefühlsbereiche nötigt". Im Finsterwald dieser Gefühlsbereiche lauert der böse Wolf Peter Tschaikowsky, um den emotionalen Hörer zu den Klängen seiner 5. Symphonie e-Moll von 1888 zu verspeisen.

Im Kabinett des Dr. Adorno wurde vor allem der zweite Satz als "unsäglich" abgestraft - mit dieser Hassvokabel schloss er eine ganze Regalreihe von Anti-Tschaikowsky-Schriften ab. Die erste Schmähung verfasste der Komponist indes selbst. In einem Brief an Nadeshda von Meck fand er seine Symphonie "übertrieben, uneinheitlich, unaufrichtig, schwerfällig, langatmig". Kurzum: "ein Fehlschlag". In solchem Selbsttadel war Tschaikowsky kein Einzelfall.

Nicht wenige Tonsetzer des 19. Jahrhunderts (auch Schumann, Bruckner) wurden unter dem Schlagschatten des Titanen Beethoven blind für die Helligkeit eigener Meisterschaft. Mag sein, dass Tschaikowsky seine programmatische Idee, die Motivglocke des "Schicksals" durchs ganze Werk hindurch läuten zu lassen, als Irrweg empfand. Sie war aber ein formaler Geniestreich.

Angesichts der Diagnose Adornos von der Empfänglichkeit gewisser Nationen ist man gespannt, wie sich das Royal Philharmonic Orchestra in Tschaikowskys Gefühlswald bewegen wird. Verläuft es sich in den Kitsch? Legt es Scheuklappen an? Das sind Fragen, die der italienische Dirigent Daniele Gatti gar nicht beantworten will. Er verpflichtet das Londoner Orchester, dem er seit 1996 erfolgreich vorsteht (Referenzaufnahme von Gustav Mahlers Vierter Symphonie G-Dur!), strikt auf die Partitur und auf den Regelimpuls des Metronoms (harmonia mundi 907381). So übertrifft er im Kopfsatz sogar die Radikalität von Mrawinskys legendärem Petersburger Mitschnitt von 1973 - ganz im Sinne des Erfinders hält er das Tempo auch beim Seitenthema durch.

Jene "unsägliche" Hornmelodie lässt der Italiener Gatti scheu, fast traumwandlerisch phrasieren - wie eine Serenade ohne Balkon. Dagegen entzündet er im rechten Moment die Großartigkeit des Schmetterns. Die hat Adorno übrigens nie beanstandet. Gegen Trompeten hatte er nichts, nur gegen Hörner, Tschaikowskys butterweiches Horn. Vielleicht war es ihm einmal zu nahe gegangen.