Berlin, Mai 2004, Kantine des Berliner Ensembles. George Tabori sitzt auf seinem Stammplatz neben dem Eingang, trinkt Tee, neben ihm sein silberner Stock, sein Assistent und seine Ehefrau, Uschi Höpfner.

DIE ZEIT: Wollen wir anfangen?

George Tabori: Ich habe mein Hörgerät vergessen.

ZEIT: Sie werden neunzig Jahre alt. Wie ist es, alt zu sein?

Tabori: Vor zehn Jahren hat es mich nicht beschäftigt, dass ich alt war. Über den Tod und das Leben und diese Sachen habe ich immer geschrieben, aber nicht besonders tragisch. Jetzt denke ich daran, dass es eines Tages aus ist. Ich bin der dienstälteste Theatermacher in der Welt. Sophokles hat mit 80 Jahren aufgehört. Wieso bin ich so alt geworden?

Assistent: Sie waren der Erste, der in Deutschland gejoggt ist!

Tabori: Früher bin ich gejoggt, das habe ich aus Amerika mitgebracht. Jetzt habe ich mit allem aufgehört. Ich schäme mich, ich gehe nicht joggen.

ZEIT: Wie fühlt sich das Alter von innen an?

Tabori: Der Tod war immer eine fremde Sache. Die nichts zu tun hatte mit mir. Noch nicht. Früher habe ich zwei oder drei Stücke im Jahr geschrieben. Ich hatte eine Idee, habe Peymann das erzählt, und nach sechs Wochen war das Stück fertig. Bei der Premiere hat Peymann mich immer nach vorne gestoßen, dass ich mich verbeugen soll. Ein Stück pro Jahr, das würde jetzt genügen.

Lautsprecher: Die Garderobe bitte in die Maske gehen, die Garderobe bitte in die Maske gehen.

Tabori: Wo war ich?

ZEIT: Was macht die Liebe?

Tabori: Sie meinen Sex? Ich habe das Wort nicht gern. Überall wird es herumgeschleudert, und mit der Sache, die es beschreibt, hat es nichts zu tun. Also, mit dem Sex, das ist vorbei. Darüber müssen wir uns nicht unterhalten. Ich hatte einen Onkel, der hat mit 92 Jahren ein Kind fabriziert. Wie er das geschafft hat, weiß ich nicht.

ZEIT: Geht es Ihnen nicht gut?

Tabori: Ich habe zwei Ärzte, der eine ist Buddhist. Er gibt mir eine Spritze, und ich fühle mich besser. Der andere ist im Jüdischen Krankenhaus in der Reinickendorfer Straße. Ich war ja mit 23 in Berlin und habe in der Reinickendorfer Straße gewohnt bei Professor Schnitzler. Seine Frau hat immer abscheulich Klavier gespielt. Dort habe ich gewisse Sachen gelernt. Zum Beispiel Frühstück. Dieses deutsche Frühstück mit Schinken.

ZEIT: Was haben Sie gegen deutsches Frühstück?

Tabori: Es schmeckt furchtbar!

ZEIT: Sie haben im Leben viele Rollen gespielt. In Berlin waren Sie Kellner, in Istanbul Reporter, in London Agent, in Hollywood Freund berühmter Damen, in New York Dramatiker, in Wien Theaterdirektor und ich weiß nicht, was noch alles. In welcher Rolle waren Sie am meisten Sie selbst?

Tabori: Ich bin immer ich. In letzter Zeit denke ich oft an Hollywood. Aber ich denke nicht an mich, sondern an Leute, die ich kannte. Ich frage mich, war es so, war es nicht so? Es ist lange her.

ZEIT: Erinnern Sie sich an Ihre Frauen?

Tabori: Viveca war eine merkwürdige Frau. (Mit der Schauspielerin Viveca Lindfors war Tabori von 1954 bis 1972 verheiratet.) Wunderschön. Leider nicht sehr treu. Sie hatte drei Kinder von drei Männern. Die Kinder haben mich alle als Ersatzvater akzeptiert. Meine Tochter ist 54, eine große Verlegerin. Sie verlegt tolle Bücher. Nur meine Bücher will sie nicht verlegen. Mein Lieblingssohn war vor zwei Jahren verliebt. In eine Schauspielerin. Sie hat ihn verlassen, und er ist dick geworden. Er war vor kurzem hier. Ich habe ihn fast nicht erkannt.

ZEIT: Sie haben Ihre Lebensfäden häufig abgerissen und woanders wieder aufgenommen. Erkennen Sie sich selbst wieder, wenn Sie zurückdenken?

Tabori: Ich denke an mich wie an jemanden, den ich kannte, der das und das machte. Ich habe so viel erlebt. Von Ungarn bin ich nach England gegangen, dann war ich Journalist in Sofia, in Istanbul war ich ein Jahr, in Jerusalem, Kairo, wieder in England, dann bin ich nach Hollywood gegangen, in New York war ich zwanzig Jahre. Manche Sachen sind mir sehr nahe. Das bin ich. Andere Sachen sind George Tabori. Zum Beispiel in Istanbul. Da musste ich so tun, als ob ich Selbstmord verübt hätte, mit Abschiedsbrief und allem. Warum erzähle ich das?

ZEIT: Sie erzählen von den Häuten, die Sie abgelegt haben.

Tabori: Ja. Manches ist wie heute. Zum Beispiel Jerusalem. Wo war ich da? Ich sehe alles vor mir und könnte stundenlang davon erzählen. Aber ich weiß nicht mehr, wie das hieß.

Assistent: Der englische Club!

Tabori: Nein, das war in Istanbul.

Assistent: Das Archäologische Institut!

Tabori: Ja, das war ein herrliches rundes Gebäude. Dort hat man mir erklärt, dass es die heiligen Orte des Christentums gar nicht gibt. Alles ist falsch. Ich war sehr gerne in Jerusalem. Aber war ich das? Sie sind vielleicht dreißig Jahre alt.

ZEIT: Nein, viel älter.

Tabori: Sie sind dreißig Jahre alt. In sechzig Jahren werden Sie mich verstehen. Manches ist jemand anderem passiert. Manchmal weiß ich auch nicht mehr, was wirklich war und was ich erfunden habe. Istanbul war eigentlich mein Wendepunkt. Dort ist so viel los gewesen. Ich habe einen neuen Namen bekommen. Turner. Drei Jahre lang habe ich als Herr Turner gelebt.

ZEIT: Damals waren Sie ein begabter Schrifsteller. Sie haben tolle Romane geschrieben.

Tabori: Na ja.

ZEIT: Was hat Sie zum Schreiben gebracht?

Tabori: Das ist hundert Jahre her. Aber alle meine Texte erzählen eine Begegnung zwischen zwei Männern. Das ist mir erst jetzt klar. Das hat etwas mit meinem Leben zu tun.

ZEIT: In Ungarn haben Sie ungarisch geschrieben, in Amerika englisch, jetzt schreiben Sie deutsch.

Tabori: Englisch habe ich verlernt, Ungarisch spreche ich nur noch mit meinem Hund. Aber auch das Deutsche verschwindet langsam.

ZEIT: Warum gaben Sie das Romanschreiben auf?

Tabori: In meinem Leben war alles Zufall. Der Zufall regiert die Welt.

ZEIT: Oft erbärmlich schlecht.

Tabori: Ich weiß nicht. Ich war in London mit einer Freundin. Wir wollten zusammen zurück nach New York. Wir haben uns gestritten. Auf dem Flughafen haben wir uns getrennt. Mir war elend zumute. Aber als ich im Flugzeug nach Berlin saß, fühlte ich mich toll. Ich habe in einem kleinen Zimmer gewohnt in der Akademie der Künste. Eine Art Badezimmer. Ich kannte niemanden. Nebenan wohnte Beckett. Ich wollte ihn kennen lernen. Aber er war immer schneller. Ich habe ihn nie gesehen. Beim Frühstück sah ich einen deutschen blonden Herren mit seiner Frau, der hat geschimpft, furchtbar, jeden Morgen. Das war Claus Peymann. So kam ich nach Berlin. Das ist doch nicht schlecht.

ZEIT: Aber Ihre deutsche Bühnenkarriere begann mit Tränen.

Tabori: Das habe ich nie verstanden. Ich bin aus New York nach Berlin gekommen, zur Weigel, und habe das beste Theater meines Lebens gesehen. Hier, in diesem Theater, das war damals nicht so sauber und nicht so schön wie heute, war damals ein Brecht-Kolloquium. Nach drei Wochen standen alle Gäste in alphabetischer Reihenfolge auf der Bühne. Alle haben einen Zettel rausgenommen und sich schön bedankt. Ich hatte auch einen kleinen Zettel. Ich stand am Mikrofon und schaute die Leute an. Die Weigel sagte, komm, sag etwas. Ich habe den Zettel zerrissen und geweint. Dann habe ich mich verbeugt und bin zurückgegangen. Später in New York habe ich mir gedacht, das war die Trauer, weil ich nie so schreiben würde, möchte wie Brecht. Aber ob das wahr ist, weiß ich nicht.

ZEIT: Brecht stand für Sie als Türsteher vor dem Theaterparadies…

Tabori: Er saß auf dem Boden, als ich ihn das erste Mal in Amerika sah. Das war bei einer Party.

Lautsprecher: Es ist 18.40 Uhr.

Tabori: Er hat eine stinkende Zigarre geraucht. Ich hab mich verbeugt. Seine Tochter, die Barbara, hat mich beschimpft, ein giftiges Biest. Sie war ganz dünn und ungeheuer frech. Ich dachte, Gott, ist die hübsch. Ich hätte sie gerne verführt.

ZEIT: Sehr alte Geschichten. Stellen Sie sich vor, in zwanzig Jahren liest irgendjemand, der in diesem Jahr geboren wurde, unser Gespräch noch einmal. Was aus dem Jahrhundert, das Sie durchlebt haben, können Sie ihm mitgeben?

Tabori: Lassen Sie mich drei Wochen nachdenken. Ich bin 1914 geboren. Ich dachte immer, das Jahrhundert, in dem ich gelebt habe, war eines der schrecklichsten. Aber ich habe es überlebt. Vor dem Zweiten Weltkrieg war das Mittagessen noch die Hauptmahlzeit. Alle waren da, die ganze Familie. Damals habe ich beim Essen erzählt, man habe mir in der Schule gesagt, dass alle Rumänen schwul seien. Da hat mein Vater mir eine Ohrfeige gegeben. Die einzige meines Lebens. Die könnte ich vielleicht weitergeben.

ZEIT: Und nichts über Deutschland?

Tabori: Ich habe Hitler gesehen, im Januar 33. Er stand oben auf einem Balkon in der Wilhelmstraße und sah sehr traurig aus.

ZEIT: Ihr Vater wurde in Auschwitz vergast. Doch nach dem Holocaust ging es in Deutschland nur noch bergauf, Wirtschaftswachstum, Krankenkasse, Zweitwagen, Subventionstheater, eine einzige Erfolgsgeschichte.

Tabori: Ja.

ZEIT: Jetzt ist Schluss, der Höhepunkt ist überschritten, überall ist Endzeitstimmung.

Tabori: Ja, es wird ganz schlimm werden. Europa wird bald nicht mehr wichtig sein, Südkorea wird das literarische Zentrum, das beste Theater wird in der Bronx gespielt, das ist alles möglich. Ich bin nie überrascht, wenn etwas Schlimmes passiert.

ZEIT: Die sechziger Jahre waren für Sie die letzte romantische Zeit.

Tabori: Das war New York. Die beste Stadt, in der ich je gelebt habe. Ich wohnte in der 95. Straße. Ich habe zum ersten Mal inszeniert. Jeden Morgen um 8.30 Uhr brachte ich mein Kind zur Schule in die 89. Straße, da waren drei chinesische Restaurants, der Zeitungshändler war ein Grieche, der Drugstore war deutsch. In New York war ich eigentlich glücklich.

ZEIT: Dann haben Sie Ihr Glück für das deutsche Theater aufgegeben?

Tabori: Ja. Ich habe in Berlin Die Kannibalen gemacht. Es hat mir so gefallen. Ich musste bleiben. Viveca und die Kinder blieben in New York. Wir haben uns getrennt.

ZEIT: Wegen des Theaters?

Tabori: Ja.

ZEIT: Das Theater war so wichtig?

Tabori: Ja.

ZEIT: Warum ausgerechnet in Deutschland?

Tabori: Wo denn sonst! Nirgends auf der Welt hat es so viel Theater gegeben wie damals in Deutschland.

Lautsprecher: Bitte Ruhe, die Vorstellung beginnt.

Tabori: Das deutsche Theater war das beste auf der Welt. Das ist vorbei. Ich lese jeden Morgen den Tagesspiegel. Es wird über alles geredet, über das Theater nicht mehr.

ZEIT: Ist das Theater an seinem Reichtum erstickt?

Tabori: Am Fernsehen. Wenn ich jetzt gleich nach Hause gehe, trinke ich Kaffee und sehe fern. Auch wenn es blöd ist. Die Uschi sieht auch fern.

ZEIT: Das deutsche Subventionstheater war ein Weltkulturereignis. Wie kann so etwas einfach verschwinden?

Tabori: Vor zweieinhalbtausend Jahren gab es das alte griechische Theater. Fünfzig Jahre lang. Dann war es vorbei. Das römische Theater war fabelhaft, fünfzig Jahre lang, dann Schluss. Die Franzosen, Molière und so weiter, toll, fünfzig Jahre. Dann kamen die Engländer, Shakespeare. Dann kamen die Deutschen, Schiller, Kleist, Büchner, hundert Jahre hatten sie das beste Theater. Und was ist jetzt? Unser großer Chef macht ein Stück von Handke.

ZEIT: Die nächsten fünfzig Jahre verbringen wir also vor der Glotze?

Tabori: Ja. Seit ich wieder in Berlin bin, sehe ich fern. Was soll ich machen? Wir haben auch dreißig Fotoalben. Die sehe ich mir an. Wo wir überall waren! Das ist fantastisch. Ich sage, Uschi, wo war das? Ich kann mich nicht erinnern. Aber das ist mein Leben: dass ich an so vielen Orten war. So vielen.

ZEIT: Was wird aus dem Theater ohne Tabori?

Tabori: Ich sehe Theater seit 75 Jahren. Nie habe ich zwei Mal dasselbe im Theater gesehen. So oft ich den Nathan gesehen habe, immer war es anders. Daran wird sich nichts ändern. König Lear ist das beste Stück, das ich kenne. Das werde ich vielleicht noch machen. Außerdem zwei oder drei Stücke und meine Erinnerungen an die Kriegsjahre.

ZEIT: Sie haben das Gefühl, Sie haben Zeit?

Tabori:(lacht) Na ja. Zola ist mitten im Satz gestorben.

ZEIT: Sie sind nicht müde? Früher haben Sie immer gesagt, Sie seien müde, seit Sie jung waren.

Tabori: Ich war immer müde. Das ist nicht schlimm. Jetzt bin ich noch nicht müde, aber in einer halben Stunde werde ich müde sein. Ich taumele nach Hause. Wie hat der große ungarische Dichter Endre Ady gesagt? „Ich würde es lieb haben, wenn man mich lieb haben würde.“ Was ist die Wahrheit, und was ist das Reale? Früher war das ein großer Unterschied.

ZEIT: Sie glauben an Kreisläufe. Ihr Leben hat in Budapest begonnen. Seit einiger Zeit befinden Sie sich auf dem Rückweg. Der Kreis müsste sich eigentlich in Budapest schließen.

Tabori: Jedes Leben ist kreisartig, ja. Aber mein Kreis hat nichts mit Ungarn zu tun, nichts mit London. Ich weiß nicht, wo der Kreis ist. Alles, was ich für richtig und gut gehalten habe, ist in den letzten Jahren infrage gestellt worden.

ZEIT: Warum?

Tabori: Warum-Fragen kann ich nie beantworten. Darum. Ich habe viele Fragen, die ich nicht beantworten kann. Und ich möchte sie beantworten.

ZEIT: Was zum Beispiel stellen Sie infrage?

Tabori: Mich. Hab ich Recht? War es so, wie ich denke? Ist es so, wie ich glaube? Diese Fragen hätte ich mir mit siebzehn stellen sollen.

ZEIT: Sie haben sich früher nicht infrage gestellt?

Tabori: Ich habe die Fragen nicht wichtig genommen. Nicht wie jetzt.

ZEIT: Sie haben immer wieder gesagt, Sie hätten sehr viel luck in Ihrem Leben gehabt. Happiness gebe es sowieso nicht.

Tabori: Warum sollte ich jetzt nicht glücklich sein? Uschi ist hier. Tee ist hier. Ich habe nachgedacht, wie Sie sein werden. Ich dachte, Sie wären viel strenger. Sie würden nur eine halbe Stunde mit mir sprechen. Ich bin erleichtert.

ZEIT: Haben Sie das Glück gesucht? Die vielen Länder, die vier Ehen. War das keine Suche nach noch mehr Glück?

Tabori: Wie heißt der letzte Satz im Hamlet?

Assistent: Der Rest ist Schweigen.

Tabori:The rest is silence. Stille!

Das Gespräch führte Iris Radisch