Was ein Kind lernt, hängt entscheidend von seiner Schule und seinen Lehrern ab. Deutsche Eltern mögen diesen Satz für eine Binsenweisheit halten, in Wirklichkeit beschreibt er einen bildungspolitischen Skandal. In einem Land mit funktionierenden Schulen erhalten nämlich alle Kinder eine annähernd gleich gute Ausbildung, unabhängig davon, woher sie kommen und in welche Klasse sie gehen. Dass dies hierzulande nicht so ist, wissen wir seit der Pisa-Studie. Sie deckte neben einer schwachen Gesamtleistung enorme Niveauunterschiede auf, zwischen den Bundesländern wie auch zwischen einzelnen Schulen.

Nun vervollständigt eine Hamburger Untersuchung das Bild der institutionell produzierten Ungleichheit. Erstmals haben Erziehungswissenschaftler sämtliche Viertklässler eines Landes in Lesen und Schreiben, in Mathematik und Englisch geprüft. Dabei bestätigten sich einmal die Leistungsunterschiede zwischen einzelnen Schulen: Während die besten Klassen fast so gut wie Sechstklässler lesen können, schaffen Gleichaltrige in anderen Schulen gerade einmal das Niveau von Klasse zwei. Das zeigt, wie brutal sich das soziale Umfeld einer Schule auf das Lernen auswirkt – was inzwischen als "normal" akzeptiert ist.

Was indes selbst die Experten überrascht hat, waren die Leistungsunterschiede zwischen den Klassen innerhalb einer Schule. Wie gut die Schüler lesen oder rechnen, differiert an vielen Schulen von Klasse zu Klasse um mehr als 15 Punkte. Das entspricht einem ganzen Lernjahr. Hier können nicht mehr soziale Umstände für die Lerndifferenzen verantwortlich gemacht werden, sondern nur der Lehrer und sein Unterricht. Noch deutlicher wird der Befund, wenn man betrachtet, wie einzelne Klassen in verschiedenen Fächern abschneiden. Im Extremfall rechnen die Schüler in derselben Klasse wie Sechstklässler, während sie Texte auf dem Niveau von Drittklässlern verfassen.

Was ist in solchen Klassen los? Wie unterscheidet sich der Deutsch- vom Mathematikunterricht? Was ist zu tun, damit die Kinder in einem Fach nicht permanent unter ihren Möglichkeiten bleiben? Dass Lehrer diese Fragen selten stellen, ist das Hauptproblem vieler Schulen. Die Pädagogen lassen sich gegenseitig nicht in den Unterricht schauen. Viele Kollegien verständigen sich noch nicht einmal darüber, was sie von ihren Schülern erwarten. Die neue Untersuchung ermutigt die Schulen, beides nachzuholen. Auch die Eltern in Hamburg haben nun die Möglichkeit, die Ergebnisse der Schule abzufragen und auf Veränderungen zu drängen. Der Rest der Republik darf sie beneiden. Martin Spiewak