George W. Bush hat gestern Alan Greenspan als Chef der US-Notenbank Federal Reserve erneut nominiert. Der bereits 78-jährige hat damit beste Karten, 2006 als der am längsten amtierende Fed-Chef in die Geschichte einzugehen. Bis heute hält William McChesney Martin den Rekord. Er leitete die wichtigste Notenbank der Welt zwischen 1951 und 1970.

Doch für Greenspan, der seit 1987 im Amt steht, würde dieser Rekord nur das berühmte Tüpfelchen auf dem i bedeuten. An der Wall Street ist er bereits heute der Größte. Und auch Wirtschaftshistoriker werden ihn einst ob seines Gespürs für richtige Entscheidungen rühmen. Kein Notenbankchef vor ihm hat die Psyche der Investmentbanker besser verstanden und liebevoller gepflegt. Kein Notenbanker vor ihm hat die Geldwirtschaft mit all ihren Tücken so klar durchschaut.

Auch wenn in der Wissenschaft immer lauter Kritik an seiner zu laxen Geldpolitik geübt wird, er für das Entstehen der größten Börsenblase seit den späten 20er Jahren verantwortlich gemacht wird, all das ficht ihn nicht an. Denn nie hatte Amerika einen längerandauernden Boom als in den fast zehn Jahren zwischen 1992 und 2000. Niemals zuvor in der 91jährigen Geschichte der Fed, ja in der Geschichte des Papiergeldes überhaupt, gab es so lange so kräftiges Wachstum ohne nennenswerte Inflation. Auch dafür gebührt Greenspan Anerkennung. Denn er hat den Volkswirten einfach nicht glauben wollen, dass ab einer bestimmen Arbeitslosenrate jede neue Stelle automatisch zu Inflation führen müsse, weshalb es besser sei, die Zinsen zu erhöhen und die Jobs gar nicht erst entstehen zu lassen. Greenspan nahm diese Warnungen nicht ernst und bewies den konservativen Ökonomen, dass auch bei einer Arbeitslosenrate unterhalb von sechs Prozent in den USA inflationsfreies Wachstum möglich ist. Damit hat er viel mehr Menschen Jobs und Hoffnung gegen, als es die bornierte Wissenschaft je zugelassen hätte.

Und auch im Abschwung schlug er ganz pragmatisch zu. Er erkannte rasch, dass sich die Weltwirtschaftskrise wiederholen könnte, zumindest aber das Leiden Japans. Sowohl in den 30ern als auch im Japan der 90er Jahren ging dem Krach an den Börsen einer Krise voraus, für die Depression eine freundliche Umschreibung ist. Greenspan schlug bei John Maynard Keynes nach, dem großen britischen Ökonomen, und senkte die Zinsen bis auf 1 Prozent – wo sie heute noch liegen.

Gleichzeitig befürwortete er die Erhöhung der Staatsausgaben zur Stimulierung des Wachstums – zumindest zu Beginn der Wirtschaftsschwäche. Denn Amerika drohte eine Bilanzrezession. Die überschuldeten Unternehmen zahlen lieber Kredite zurück, anstatt zu investieren und lassen so die Wirtschaft zusammenbrechen. Also muss die Notenbank den Schuldendienst mit niedrigen Zinsen so erträglich wie möglich machen und der Staat über höhere Schulden dafür sorgen, dass die Konjunktur nicht einbricht.

Der Sieg in der ersten Runde geht an Greenspan. Die größte Gefahr, eine Deflation, also ein fallendes Preisniveau, scheint ausgestanden. Jetzt gehen die Nachwehen des Börsenbooms in die zweite Runde. Wird die Konjunktur den zaghaften Zinserhöhungen widerstehen? Wer tritt an die Stelle der unermüdlich konsumierenden US-Bürger? Wie lange finanziert der Rest der Welt noch Amerikas riesiges Leistungsbilanzdefizit? Fragen über Fragen und ein Garant: Alan Greenspan. Er hat bislang fast immer das Richtige getan. Seine Philosophie lautet schlicht: Wenn es nach Regen ausschaut, nimm den Regenschirm mit. Nicht hoffen, dass es schon gut geht, sondern alles in seiner Macht Mögliche tun, dass es tatsächlich auch gut geht.