Algier, Flirrend

"Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß nicht." Mit dem ersten Ton des Fremden, den der Schauspieler Ulrich Matthes vorträgt, werden die Stimme dieses Mannes und die Romanfigur Meursault eins. Wird, wer diese Stimme des Fremden gehört hat, den Roman wieder lesen können, ohne die Stimme von Matthes zu hören? Eine Erzählung bewegt sich durch die Sonne des Mittelmeers, die alles in Oberfläche verwandelt. Bewegt sich zum Mord, zur Verurteilung zum Tode durch das Beil. Gleißend liegt die Sonne über der Stimme des Schauspielers, wie durch ein Flirren hindurch gibt er der Tonlosigkeit seiner Existenz einen Ton. Der 45-jährige Matthes, kaum älter, als Camus es 1942 beim Erscheinen des Fremden war, vermag es, in die illusionslose Existenz einen Klang von Kindlichkeit zu bringen, von der Verlassenheit desjenigen, für den eine Deutung der Welt nicht in Betracht kommt. Matthes’ Stimme verwandelt die Betäubung der Figur Meursault, die absichtslos zum Mörder wird, in eine Folge von Sätzen, denen jeder kausale Zusammenhang hörbar fehlt. Ohne den Beiklang von Monotonie dieser Erzählung ihren Lauf zu lassen, über fast vier Stunden hinweg: Das ist eine Kunst.

Elisabeth von Thadden

Frankfurt, giftig

Herr, es ist Zeit, würde F. W. Bernstein vielleicht an dieser Stelle spotten: Lass die Lyrik los! Wenn der Sommer ins Land zieht, dann darf man statt der Frühnachrichten sich Verse anhören, von Mäusen und TV-Schweinen, Käsekuchen oder Zahnersatz und sogar von einem (kleinen) deutschen Schäferhund. Auf der Lyrikwerft von F. W. Bernstein, Professor für Karikatur und Bildgeschichte in Berlin, ausgezeichnet mit dem Göttinger Elch, bewährt als Spötter der "Neuen Frankfurter Schule", wird so manches aus den Innereien der abgewrackten deutschen Seele zutage gefördert, was man vielleicht nicht unbedingt für lyriktauglich gehalten hätte, jetzt aber, durchaus gerne, kichernd zur Kenntnis nimmt: Warum nicht Juckreiz im Intimbereich als brennendes Thema? "Sitz ich an mein Tischlein da, tu ich da giften", nach diesem Motto lebt und dichtet also dieser Mann, trägt vor im kontrollierten Schnarrton, mit prononciertem rrrrrr, ein wenig Klavier dazu, auch Cello, ein Kammerton der wohltemperierten Lästerleidenschaft entsteht. Das Publikum im Hintergrund lässt gereifte Lacher hören. Man kennt sich. Und Bernstein grüßt die Freunde, den lieben Gernhardt, natürlich ein Hallo an den hochvermissten Volker Kriegel, zuletzt: "Dankbar aß ich noch ein Ei, und dann kam der Tod vorbei." Wenn es denn schon sein muss, dann nehmen auch wir Abschied von dieser CD, hören aber vorher unbedingt noch einmal die Geschichte von der Magd und dem Knecht, lustvoll rhythmisch vorgetragen, zuletzt: ein schöner Seufzer!

Susanne Mayer