Was hat die Inder bewogen, ihre Regierung mit einem so deutlichen Ergebnis abzuwählen, trotz Wirtschaftsbooms und guter Ernte? Die Kommentatoren sind sich einig: Das Land hat genug von der brutalen hindunationalistischen Ausgrenzungspolitik der regierenden BJP, das säkulare Indien hat sich durchgesetzt und katapultierte die Linke, die Kongresspartei mit Sonia Gandhi, an die Spitze des Staates.

Unterstützt wurde Gandhi auch von den Armen auf dem Land, die ihrem Zorn über die Wahlkampfbilder vom glücklichen Bauern mit Handy und Kreditkarte Ausdruck verliehen. Denn der Kurs der beschleunigten Liberalisierung hat vielen nur unbezahlbare Stromrechnungen privatisierter Energieversorger und Schulden infolge sinkender Erzeugerpreise eingebracht. Dass der neue Reichtum der städtischen Mittelschichten letztlich auch zu den armen Bauern durchsickern werde, dies Versprechen blieb bislang Theorie.

Es war und ist unrealistisch, drei Viertel der Inder – rund ein Achtel der Weltbevölkerung – binnen kürzester Zeit fit für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt machen zu wollen. Die Massen auf dem Land, die nun ihre Lebensgrundlage verlieren, finden keine Zukunft in den Städten, wo die Privatisierung ebenfalls mehr Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzt.

Das Land braucht vorübergehend staatliche Preisstützen und geschützte Märkte, zugleich Straßen, Wasser, Bildung und eine dezentrale Energieversorgung, damit Kleinbauern überleben und kleine Firmen wachsen können. Die Hoffnungen, die Sonia Gandhi auf ihrer 50000 Kilometer langen Wahlkampftour – zielstrebig durch Slums und Dörfer – geweckt hat, wird sie ungestraft nicht enttäuschen können. Doch es ist zweifelhaft, ob ihre Partei, selbst liberalisierungsfreundlich, den politischen Willen für die Herkulesaufgabe aufbringt, ein nachhaltiges Entwicklungsmodell für die ländlichen Räume zu entwickeln und durchzusetzen – zumal das wohl gegen den Widerstand von Institutionen wie IWF, Weltbank und Welthandelsorganisation zu geschehen hätte.