interview Schokolade überall
Verbraucherministerin Renate Künast über dicke Kinder und strengere Regeln für Lebensmittel-Werbung
DIE ZEIT: Viele Kinder sind fett, viele Lebensmittel sind fettfrei. Wie passt das zusammen?
Künast: Kinder haben heute einen anderen Lebensstil als in den achtziger Jahren. Sie bewegen sich viel weniger, gleichzeitig ist das Angebot an Essen immer größer geworden. Das bringt die Energie-Balance durcheinander.
ZEIT: Was soll das heißen?
Künast: Ich bin jetzt 48. Als ich Kind war, hat man nur gegessen, wenn man Hunger hatte. Heute begegnet einem Essen überall und ständig. Pommesbuden hier, Kebap-Buden da. Man kann an keiner Supermarktkasse mehr stehen, ohne auf Schokoladenregale zu blicken. Um da zu widerstehen, braucht man Selbstdisziplin - als Erwachsener und erst recht als Kind.
ZEIT: Warum sollte man denn widerstehen? Auf den Packungen steht doch meist, es seien Vitamine drin oder "das Beste aus der Milch".
Künast: Werbung ist meist schöner Schein. Es werden Produkte als vitaminreich angepriesen, die so viele Kohlehydrate enthalten, wie man zur Vorbereitung eines Halbmarathons braucht. Das deutsche Lebensmittelrecht kann da einige Grenzen setzen, aber Nahrungsmittel sind längst keine nationalen Produkte mehr.
ZEIT: Die Europäische Kommission hat strengere Regeln für Lebensmittelwerbung vorgeschlagen. Hersteller sollen künftig Beweise liefern, wenn sie ihren Produkten gesundheitsfördernde Wirkungen andichten. Das Thema wurde aber gerade vom EU-Parlament vertagt. Sind Sie enttäuscht?
Künast: Ja, das bringt Zeitverzug. Der Vorschlag enthält zwar einige bürokratische Hindernisse, aber ich hätte gerne schnelle Regelungen der nährwert- und gesundheitsbezogenen Aussagen. Wenn gesundheitsbezogene Wirkung behauptet wird, muss das auch belegt werden.
ZEIT: Was halten Sie von den geplanten Nährwertprofilen, die verhindern sollen, dass stark fett-, salz- oder zuckerhaltige Lebensmittel mit Gesundheit in Verbindung gebracht werden?
Künast: Man muss klar regeln, was erlaubt ist und was nicht. Nährwertprofile sind ein richtiger Ansatz. Die damit verbundenen Beschränkungen verhindern, dass zu fettige, zu salzige und zu süße Lebensmittel als gesund beworben werden.
ZEIT: Die Industrie würde am liebsten mit den Vitaminen von Bonbons werben, den Zuckergehalt aber verschweigen, weil dies den Verbraucher angeblich verwirrt.
Künast: Gerade das Problem soll die EU-Verordnung ja lösen. Mündige Verbraucher sollen sich über sämtliche Inhaltsstoffe informieren können. Erst dann können sie entscheiden, was gut für sie ist.
ZEIT: Die Deutschen bekommen immer weniger Nachwuchs. Ist der Kampf der Unternehmen um die Zielgruppe Kind härter geworden?
Künast: Es geht heute stärker denn je um Bindung an eine Marke. Unternehmen werben mit "Ich liebe es". Und dann sieht man nicht etwa ein Fast-Food-Lokal, sondern eine grüne Wiese. Das ist wie gemacht für zehnjährige Mädchen, die vielleicht Pferde lieben und gerne draußen rumspringen. So vermittelt man Lebensgefühl und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe. In diesem Alter ist das sehr wichtig, weil Kinder sich langsam von ihren Eltern abgrenzen und neue Bezugsgruppen suchen.
ZEIT: Und jetzt wollen Sie mit der Industrie die Initiative "Ernährung und Bewegung" gründen und hoffen auf Selbstkontrolle. Ist das nicht naiv?
Künast: Man kann nicht alle gesellschaftlichen Probleme nur ordnungspolitisch lösen. Für die gesundheitsbezogenen Aussagen brauchen wir Regeln, und zwar auf europäischer Ebene. Daneben müssen wir aber schauen, was man sonst tun kann.
ZEIT: Was denn?
Künast: Sehen Sie, Kinder laufen den ganzen Tag rum und naschen hier, naschen da. Sie essen nicht mehr drei- oder fünfmal am Tag, sondern den ganzen Tag lang. Das hat nichts mit den Bedürfnissen des Körpers zu tun.
ZEIT: Das war keine Antwort auf unsere Frage.
Künast: Ich möchte einzelne Projekte bündeln. Deswegen sollten möglichst viele mitmachen, von den Kinder- und Jugendärzten über den Sportbund bis hin zu den Krankenkassen. Viele arbeiten jetzt schon an der Bekämpfung von Übergewicht, aber leider, ohne sich abzustimmen.
ZEIT: Und was erwarten Sie von der Industrie?
Künast: Sie soll bei Aktionen und bei der Aufklärung helfen, auch an Kindergärten und Schulen. Einige Unternehmen tun das bereits. Aber das ist dann stets verbunden mit Werbung für ihre Produkte. Jetzt geht es darum, so etwas auch mal ohne Markenzeichen zu machen.
ZEIT: Wer ist Ihrer Initiative bislang beigetreten? Nestl, Kraft, Bahlsen, Unilever, Ferrero?
Künast: Mit denen habe ich gesprochen. Bis zur Sommerpause möchte ich gerne konkret wissen, wer mitmacht. Ich werde allerdings niemandem das Messer auf die Brust setzen. Die Unternehmen wissen selbst, dass sie jetzt am Zug sind.
ZEIT: Wie viel lassen Sie sich die Plattform kosten?
Künast: Das werden wir sehen, ich möchte mich jetzt noch nicht festlegen.
ZEIT: Wir bleiben skeptisch. Fast-Food-Ketten werben seit Jahren mit gesundem Essen, und auf jeder Cornflakes-Schachtel klebt die Ernährungspyramide. Die Kinder nehmen trotzdem zu.
Künast: Die Pyramide kann sich jeder gerne hinhängen, aber das reicht nicht. Kinder muss man in Kindergärten und Schulen erreichen. Da gibt es eine Menge zu verbessern. Etwa beim Sportunterricht. Da sitzen die dicken Kinder am Rand, weil die Lehrer es gar nicht schaffen, für sie gemeinsam mit den anderen einen normalen Turnunterricht zu veranstalten.
ZEIT: Fordern Sie im Ernst getrennten Sportunterricht für Dicke?
Künast: Wir brauchen in den Schulen ein gesondertes Sportangebot für dicke Kinder, weil sie sich sonst überhaupt nicht mehr bewegen. Ich war normalgewichtig und hatte am Stufenbarren schon große Mühe, unverletzt durchzukommen. Was wollen Sie da machen mit Kindern, die massiv übergewichtig sind und ständig ausgelacht werden? Diese Tortur kann man niemandem antun.
ZEIT: Wäre es nicht besser, Kinder würden gar nicht erst dick werden?
Künast: Genau. Deswegen muss Ernährungserziehung schon viel früher ansetzen. Entscheidend sind natürlich die Eltern. Aber sie brauchen Unterstützung. Leider gibt es in Kitas und Kindergärten immer weniger Personal. Es wird kaum noch gekocht, weil gar keine Küchen mehr da sind. Das Essen liefern anonyme Catering-Unternehmen, und die Kinder haben immer weniger Chancen, etwas über Lebensmittel und ihre Zubereitung zu lernen. Die Unterschichtkinder trifft es besonders. Da wollen wir ansetzen. Denn in den ersten Jahren werden Geschmack und Gewohnheiten für das ganze Leben geprägt.
ZEIT: Das Thema liegt Ihnen offenbar am Herzen. Woran wollen Sie sich messen lassen?
Künast: Ich messe mich heute schon daran, dass das Thema Ernährung und Übergewicht von Kindern öffentlich diskutiert wird. Darauf bin ich stolz. Noch besser wäre eine zweite Trimmdich-Bewegung. Wir brauchen einen anderen Lebensstil: Besser essen und mehr bewegen.
Die Fragen stellten Götz Hamann und Marcus Rohwetter
- Datum 19.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2004 Nr.22
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