Als kurz vor dem Irak-Krieg der französische Staatspräsident Chirac zum Volkshelden der Friedensdemonstrationen aufstieg, läuteten bei manchen Pariser Intellektuellen die Alarmglocken. "Diese Verweigerungshaltung von Pazifisten, PLO-Anhängern, Globalisierungsgegnern, Antiamerikanern, Nationalisten und antieuropäischen Souveränisten", schimpfte der Soziologe Michel Wieviorka in Libération, markiere einen "Nullpunkt der Politik." Und Robert Redeker, Philosoph und Mitherausgeber der von Sartre gegründeten Les Temps modernes, warf den französischen Kriegsgegnern vor, ihr Ziel sei nicht der Friede, sondern eine Kriegserklärung an die USA.

Nach außen hin entsprach Frankreichs Haltung ganz dem Klischee eines tief eingewurzelten Antiamerikanismus. Doch nicht nur, dass alle Umfragen das Gegenteil beweisen: Tatsächlich gab es im Land wichtige Meinungsführer – besonders ehemalige Trotzkisten und Achtundsechziger –, die die Bündnistreue mit den Amerikanern hochhielten. Neben Bernard Kouchner, der als ehemaliger sozialistischer Gesundheitsminister und Kosovo-Beauftragter der UN den Begriff droit d’ingérence, die Interventionspflicht, in Frankreich propagiert hatte, waren es vor allem die Philosophen Pascal Bruckner, André Glucksmann und der Regisseur Romain Goupil, die flammende Aufrufe zum Sturz Saddam Husseins veröffentlichten. In ihrer schärfsten Abrechnung nach dem Fall Bagdads verkündeten sie in Le Monde den moralischen und politischen Ruin Frankreichs. Anstatt zur Vernichtung einer schrecklichen Diktatur beizutragen, habe Frankreich Nato und UN gespalten, Asterix gegen Onkel Sam gespielt und sich marginalisiert: "Die Geschichte geht weiter, aber Frankreich nimmt nicht mehr an ihr teil."

Ein Jahr danach hat jetzt die proamerikanisch eingestellte französische Intelligenz eine Bilanz vorgelegt, in der die Gründe des Krieges zwar weiterhin für gerecht und dessen Folgen für beherrschbar gehalten werden, aber erstmals auch Fehler zur Sprache kommen. In der Reihe Démocratie ou Totalitarisme, herausgegeben von Stephane Courtoise, Autor des Schwarzbuch Kommunismus, versammelt der Band Irak, An 1 (Éditions du Rocher) zwei Dutzend Befürworter des Krieges. André Glucksmann hält unbeirrt fest an seiner Warnung vor Russlands Präsident Putin, der sich als Mitglied der Achse "Non-Nein-Njet" aus seiner Verantwortung für den Tschetschenien-Krieg stehle und die Europäer den Amerikanern entfremde. Romain Goupil trauert einer friedlichen Lösung des Irak-Konflikts hinterher, die an Frankreichs antiamerikanischer Verblendung gescheitert sei. Nur Pascal Bruckner äußert erste Zweifel an der Nachkriegsstrategie der Amerikaner, die sich vor allem deshalb als untauglich erweise, weil die Unterstützung der Europäer fehle.

Nun ist diese im März veröffentlichte Bilanz vom Folter-Skandal eingeholt worden, und als Erster vollzog Pascal Bruckner eine radikale Wendung. In seiner Polemik Irak, l’effroyable gâchis (Irak, der grauenhafte Schlamassel), vergangene Woche im konservativen Figaro erschienen, sieht er nicht mehr die moralische Glaubwürdigkeit Frankreichs, sondern die der USA ruiniert. Alle, die die militärische Intervention unterstützt hätten, müssten erkennen, dass die proklamierten Ziele verfehlt seien. "Mit den Folterbildern ist eine historisch einzigartige Chance für diese Region vergeudet worden. Die Niederlage übersteigt selbst die kühnste Schadenfreude unter Amerikas Gegnern." Jetzt müsse das alte Europa einen neuen politischen Ehrgeiz entwickeln.

In ersten Reaktionen wurde Bruckners Meinungsumschwung zwar als achtbar, aber zu kurz gegriffen bewertet. Der Publizist Jean-François Colosimo hielt ihm vor, sich nur am Verstoß gegen das Kriegsrecht, aber nicht an der Unrechtmäßigkeit eines Präventivkrieges zu reiben – als sei ohne die Folterungen die Irak-Intervention ein Erfolg gewesen. So weit geht Bruckners Revision aber noch nicht, ebenso wenig wie bei Bernard Kouchner, der jüngst nur behauptete, er sei nun doch kein unbedingter Kriegsanhänger gewesen. Glucksmann und die anderen Bellizisten hüllen sich bislang in Schweigen. Dafür kündigte am Wochenende der zweifelsfrei proamerikanische Le Monde- Herausgeber Jean-Marie Colombani krachend jene Solidarität auf, die er seit dem 12. September 2001 mit der berühmten Schlagzeile Nous sommes tous Américains ("Wir sind alle Amerikaner") verkündet hatte. Nicht nur wegen der Folterbilder, sondern wegen der weltweiten Terror-Spirale und der Unbelehrbarkeit der Amerikaner werde er bis zur Abwahl der gegenwärtigen US-Regierung seinen Wahlspruch revidieren: Nous sommes tous non-Américains.