Der Minister ist müde: Mufid al-Dschasairi war die ganze Nacht unterwegs. Von Bagdad aus ging es im Auto nach Amman in Jordanien, von dort um Mitternacht mit dem Flugzeug weiter nach Berlin. Nun hält sich der schmächtige Mann mit dem grauen Haar und den tiefen Ringen um die Augen im Hotel Hilton am Gendarmenmarkt am Orangensaft fest. Zum Frühstück isst er ein Stück Schokoladentorte. Er entschuldigt sich für sein schlechtes Englisch und seine Mattigkeit. Das Englisch ist aber gar nicht schlecht. Und die Erschöpfung hat wohl hat auch nicht nur mit seiner Reise nach Deutschland zu tun. Am Ende des Gesprächs sagt er, zur Stimmung in Bagdad befragt: "Wir sind mit unseren Kräften am Ende. Die drei Kriege, die Jahrzehnte unter Saddam und jetzt diese Rückschläge unter der Besatzung – wir haben einfach genug gesehen."

Al-Dschasairi ist seit dem letzten September der Kulturminister des Iraks. Und er ist Kommunist – ein Kommunist von George Bushs Gnaden. Der amerikanische Steuerzahler kommt für den Etat, für die Bodyguards und für die Handyrechnung des ersten kommunistischen Regierungsmitglieds im Irak seit vierzig Jahren auf. Der Minister ist sich der historischen Ironie durchaus bewusst.

Der Pluralismus des neuen Irak

Jahrzehntelang hatte sich seine Partei von Moskau subventionieren lassen. Aber es bedurfte der schlimmsten Feinde der Arbeiterklasse, des US-Imperialismus und seines mesopotamischen Statthalters L. Paul Bremer, damit die Kommunisten ein Stückchen Macht in einem neuen Irak bekamen. Das Kulturministerium ging nach den Proporzregeln, die die Zusammensetzung des 25-köpfigen Regierungsrates (Governing Council) steuerten, an die Irakische Kommunistische Partei (ICP).

Für die ICP war die Herrschaft der Baath-Partei ein vier Jahrzehnte langes Martyrium gewesen. Die Kommunisten, nach dem Sturz der Monarchie 1958 die populärste Partei im Lande, waren die natürlichen Feinde des arabischen National-Sozialismus der Baathisten. Zehntausende ihrer Mitglieder wurden im Lauf der Jahre vom Geheimdienst Saddam Husseins ermordet, zahlreiche ihrer Führer starben unter der Folter. Ihre Glaubwürdigkeit als Regimeopfer, ihr Säkularismus und die Tatsache, dass ihre im Widerstand erprobte Struktur immer noch von vielen zahlenden Mitgliedern im ganzen Land gestützt wird, macht die Kommunisten für die Besatzer bei allem ideologischen Vorbehalt unverzichtbar.

Was heißt es, im Irak von heute Kommunist zu sein? Die Partei war ein Refugium vor allem für Schiiten und Kurden, früher auch für viele Juden, die sich jenseits ihrer ethnischen Herkunft politisch engagieren wollten. "Wir waren gegen den Krieg. Wir wollten einen friedlichen Wandel von innen her, ganz wie Sie in Europa, aber wir konnten die Intervention nicht verhindern. Jetzt müssen wir mit anpacken, um einen freien, föderalen, demokratischen Irak zu schaffen", sagt der Minister. Glaubt er denn immer noch daran? Hat dieses Unternehmen nicht durch die Folterbilder aus Abu Ghraib seinen Todesstoß bekommen? "Wir sind wütend, aber mehr noch sind wir enttäuscht von den Alliierten, die mit dem Anspruch kamen, Demokratie und Anstand zu bringen. Doch gerade weil diese Menschenrechtsverletzungen uns empören, dürfen wir den Kampf für eine Ordnung nicht aufgeben, in der die Menschenrechte geschützt werden."

Werden die Bilder im Irak auch so intensiv diskutiert wie hier in Europa? Nein, sagt der Minister: Die Menschen seien durch die Diktatur in eine moralische Lethargie verfallen, "abgestumpft und müde durch die Routine gewaltsamer Repression unter Saddam". Sie litten viel mehr, sagt er, unter der Ineffizienz der Verwaltung und der Unsicherheit durch die zahlreichen Terror- und Sabotageakte. "Jeden Tag fließt das Blut. Und es sterben vor allem Iraker, die sich für den Wiederaufbau engagieren. Die selbst ernannten Widerständler sind in Wahrheit die Feinde eines neuen Iraks, weil sie den Besatzern immer neue Vorwände liefern, länger dazubleiben." Und mit unverhohlener Bitterkeit fügt er hinzu: "Der Aufschrei über Abu Ghraib ist berechtigt, aber mancher, der jetzt schreit, ist nicht frei von Heuchelei. Der demokratische irakische Schriftstellerverband, den ich mitbegründet habe, hat aus dem Exil eine Reihe von Appellen losgelassen, als unsere Genossen in den Folterkellern Saddams litten. Niemand hat sich dafür interessiert."

Der Minister schließt nicht aus, dass das amerikanische Projekt einer Demokratisierung des Iraks durch die Folterbilder "im Herzen getroffen" worden sei: "Aber das heißt nicht, dass auch unser eigenes Projekt seinen Anspruch verwirkt hat. Zum Aufbau eines politisch, religiös und ethnisch pluralistischen Iraks gibt es keine Alternative. Die Menschen im Lande wollen einen Neuanfang." Es klingt zweckoptimistisch, wenn Mufid al-Dschasairi solche Dinge sagt. Für naiv sollte man ihn jedoch nicht halten. Er hat sich auch im Exil sein Land nie schöngeredet. 1939 im Irak geboren, studierte er in den sechziger Jahren in der ∏SSR Journalismus. Er wurde zum Zeugen des Prager Frühlings und seiner brutalen Unterdrückung. 1968 kam Saddam Hussein an die Macht, womit sich eine Heimkehr einstweilen verbot. Al-Dschasairi blieb als Mitarbeiter des tschechischen Radios und diverser arabischer Zeitungen in Prag. Er heiratete eine Tschechin. Das Exil wurde vom Provisorium zur Lebensform auf Dauer, bis er sich zwischen 1982 und 1988 dem bewaffneten Widerstand im irakischen Kurdengebiet anschloss. Der infame Gasangriff von Halabdscha 1987 zeigte ihm die Entschlossenheit des Regimes, den Aufstand mit allen Mitteln niederzumachen.