Indien Megastadt zwischen den Zeiten
Kalkutta träumt von einer Zukunft aus dem Geist der Verspätung. Aber Indiens Moderne findet anderswo statt, das wird sich auch nach dem Sieg der Congress-Partei nicht ändern
Wer es sich leisten kann, macht einen Bogen um diese Stadt. Touristen gibt es so wenige, dass der internationale Flughafen eine freudlose, staubige Schleuse geblieben ist. Geschäftsleute sehen das Häusermeer am liebsten von oben, auf dem Luftweg von Seoul oder Singapur nach Neu Delhi. Wer trotzdem kommt, tut es nicht ohne jenes Gruseln, das die Erzählungen vornehmlich europäischer Reisender geweckt haben. Kalkuttas Ruf in der Welt ist schlecht, so schlecht, dass der Elendsreport sich als führende Berichtsform durchgesetzt hat. Vorhölle, Moloch, Pestbeule Indiens – die Stadt scheint dazu verurteilt, alle Schrecknisse des armen Südens in sich zu konzentrieren. Aber das ist nur der Blick von außen.
Im Innern hat sich eine ganz andere Wahrnehmung erhalten, ein romantisches, fast zärtliches Verhältnis zur lokalen Tradition. Nicht dass die Lage als unproblematisch empfunden würde, das hieße, das Offensichtliche leugnen: den komatösen Verkehr, die schimmelnden Fassaden, das Heer der Flüchtlinge vom Land, deren provisorische, auf dem Bürgersteig errichtete Behausungen immer weiter ans Zentrum heranrücken. 13 Millionen Menschen sollen es inzwischen sein, alles platzt aus den Nähten. Doch im gebildeten Kalkutta sagt man sich: Slums gibt es anderswo auch, der größte Indiens liegt in Bombay. Und dass Günter Grass, dieser Geistesriese aus Deutschland, von einem „Haufen Scheiße“ schrieb, „wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“, hat eine Wunde hinterlassen, die sich bis heute nicht schließen will.
Computerisierung – aber nur mit illegal gezapftem Strom
Kalkutta war nicht nur einst das ökonomische und politische Zentrum Indiens, es sieht sich als Stadt des Geistes und der Literatur. Rabindranath Tagore, der Nobelpreisträger, Amit Chaudhuri, der letzte Flaneur, Amitav Gosh – alle kamen und kommen sie aus Kalkutta. Bis heute diskutiert man erregt die Frage, wann genau der Niedergang einsetzte, ob es an dem Tag war, an dem die Stadtverwaltung die Straßen nicht mehr regelmäßig mit Wasser sprengte, ob die Teilung Indiens schuld ist, die Kalkuttas Randlage verstärkte oder die Verlegung des Regierungssitzes nach Delhi. Dass die Dinge nicht mehr sind, wie sie einmal waren, zehrt am Selbstbild. Die lokale Industrie liegt darnieder, der Hafen, in dem einst die East India Company ihre Güter umschlug, ist längst verschlammt und ohne Bedeutung. Dafür hat – ausgleichende Gerechtigkeit – der Liberalisierungsschub der Neunziger mitsamt seiner Aufbruchsrhetorik die Stadt nur peripher erreicht. Die wenigen Ladenketten nach internationalem Muster, die in der Park Street eröffnet haben, Kalkuttas urbanster Meile, können nicht darüber hinwegtäuschen: Das „shining India“ von Staatspräsident Vajpayee spielt anderswo.
Bangalore im Süden des Subkontinents boomt, Hyderabad hat sich zum Cyberabad gemausert, Kalkutta scheint bloß die Beschwörung des Vergangenen zu bleiben. Ein Geist der Verspätung beherrscht die Kaffeehäuser, in deren Wände noch keine Warenästhetik Einzug gehalten hat. Gewählt wird traditionell links, obwohl die kommunistische Lokalregierung in mehr als einem Vierteljahrhundert jenseits der Tatsache ihrer Machtausübung wenig erkennbar Gutes bewirkt hat. Doch auch die Verspätung kann identitätsstiftend sein: Ihre Ironie liegt darin, dass sie sich zugleich als Vorsprung auslegen lässt. In Kalkutta träumt man noch immer von einer politischen Kultur, in der der Geist den Ton angibt und die Stimme der Dichtung Gehör findet. Verlangt, ja schreit Indiens Weg in die Globalisierung nicht geradezu danach? Auf Autos, Computer und Konsum allein lässt sich die Zukunft jedenfalls kaum gründen. Und das, so der Umkehrschluss, kann letztlich nur bedeuten, dass Indien Kalkutta noch mehr braucht als umgekehrt.
Nur als angemessen wird es empfunden, dass hier, in Westbengalen, über Fragen des Fortschritts nachgedacht wird und nicht anderswo. Herr Datta-Ray hat sogar ein Gleichnis dafür gefunden. In anderen Metropolen der Welt begegne man zwei Streitenden mit Neugier, Unverständnis oder gar aktiver Teilnahme an der Auseinandersetzung. Die Stadt Tagores dagegen finde ihre Rolle im Abwägen, in der Schlichtung und Moderation. Datta-Ray ist Journalist beim ortsansässigen Telegraph, an diesem Abend steht er allerdings am Rednerpult und leitet eine öffentliche Diskussion zur Frage, wie dem rasenden gesellschaftlichen Wandel zu begegnen sei. „Die Vergangenheit ist unsere Gegenwart, die Vergangenheit ist unsere Zukunft“, fasst er seine Überlegungen zusammen, eine trotzige, stark dehnbare Formel, die beim Publikum ebenso gut ankommt wie die anderen Redebeiträge, in denen lokale Prominente sich als lokale Patrioten präsentieren.
Die Veranstaltung ist Teil einer Konferenz, die der Stadt drei interessante Tage beschert. Führende Intellektuelle aus allen Landesteilen haben sich angekündigt, Menschenrechtsaktivistinnen wie Aruna Roy, globalisierungkritische Stimmen wie Vandana Shiva, dazu Lehrstuhlinhaber aus dem Ausland. Zur Eröffnung spricht Ashis Nandy, Wissenschaftssoziologe und Leiter des Instituts für Entwicklungsstudien in Delhi. Nandy ist trotz seiner bengalischen Herkunft unverdächtig, den Kalkuttaern nach dem Mund zu reden, seine Reputation reicht weit über die Landesgrenzen hinaus. Und doch steht auch bei ihm „Ein Gefühl der Leere“ im Zentrum. Seine These: Die indische Moderne sei letztlich steril geblieben, weil sie keinen Sinn für die mit ihr einhergehenden Verluste entwickelt hat.
Dem gebildeten Publikum spricht das aus der Seele. Damen in Festtags-Saris applaudieren, würdige ältere Herren mit Hornbrillen stellen höfliche Fragen. Kalkutta spiegelt sich in dem, was hier über den Fortschritt und seine Auswirkungen gesagt wird, es genießt die Ausführungen des Professors, der die reichen religiösen Traditionen Indiens hervorhebt und fühlt sich durch die klingenden Namen an glanzvolle Tage erinnert. Der Habitus auf den Podien ist international, die Rhetorik geschliffen, alles, was in Europa oder den USA den philosophischen Diskurs bestimmt, ist angekommen, inklusive der intellektuellen Moden. Gerade die Brillanz der Beiträge aber lässt einen Widerspruch zutage treten, den selbst die engagiertesten Aktivisten nicht aufheben können: Die Kluft zwischen Theorie und sozialer Wirklichkeit ist enorm. Kalkutta demonstriert es wie keine andere Stadt Indiens: Beim ersten Schritt aus dem Konferenzsaal heraus beginnt eine andere Welt.
Die klügsten Ausführungen der Konferenz liefern zugleich Material für eine Selbstanalyse der indischen Gesellschaft, und der Befund fällt nicht günstig aus. Die zuletzt acht Prozent Wirtschaftswachstum, die der bislang regierenden Koalition unter Führung der Hindunationalisten überraschenderweise nicht zum Sieg bei den soeben zu Ende gegangenen Wahlen verhalfen, haben die Armutsstatistik zwar aufgebessert, aber die Ungleichheit im Lande weiter verstärkt. Analphabetismus, Kinderarbeit, häusliche Gewalt – keines dieser Probleme ist auch nur im Ansatz gelöst. Der Staat beschränkt sich aufs Verwalten, die Zivilgesellschaft ist nicht so entwickelt, wie die rege Diskussionskultur vermuten ließe. Der neue Mittelstand, der sich im letzten Jahrzehnt etabliert hat, genießt seinen Reichtum und kümmert sich sonst um nichts. Das Engagement der alten Patrizier erschöpft sich oft genug darin, das Elend von der eigenen Tür fernzuhalten.
Die Sterilität der indischen Moderne äußert sich auch in einem Bildungsbürgertum, das sich gern reden hört, aber nur sehr zögernd eingreift. „Wehe, man erwartet Taten von ihnen“, sagt Venkateswar Ramaswamy, ein stiller Mann mit Bart, der eine große Wut mit sich herumträgt. Neben der Tür des kleinen Büros im Stadtteil Howrah hängt ein Bild von Gandhi nebst Sinnspruch: „Dienst am Menschen ist Dienst an Gott.“ Drinnen Bastmatten und bunte Zeichnungen: Der Raum, der das Howrah Pilot Project beherbergt, wird zugleich als Schule genutzt, in der die Kinder des umliegenden Slums das Nötigste lernen. An der Wand steht ein Computer, der allerdings gerade außer Betrieb ist. Um ihn zum Laufen zu bringen braucht man Strom, und den gibt es hier, auf der schlechten Seite der Stadt, nur auf Bestellung: über Mittelsmänner, die ihn illegal zapfen.
Venkateswar ist ein Abtrünniger seiner Klasse. Als junger Mann hat er es nicht mehr ausgehalten, privilegiert zu sein, während andere im Dreck leben müssen. Er studierte in England, wo er mit sozialistischen und sozialreformerischen Ideen in Berührung kam. Zurück in Kalkutta, reduzierte er sein Engagement in der kleinen Fabrik, die sein Vater ihm vererbt hat, auf ein Minimum, um sich der Arbeit für die Armen zu widmen. Venkateswar ist aber auch ein Beispiel für die Grenzen, die dem Engagement gesetzt sind, wenn die Stadt ihm nicht entgegenkommt. Nach langen Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit, in denen er Formulare ausfüllte, vorsprach, Eingaben machte, Volontäre anlernte, kommunizierte, organisierte und analysierte, kann er zwar auf bescheidene Erfolge zurückblicken. Trotzdem kommt es ihm manchmal so vor, als habe sich im Grunde nichts getan.
Howrah ist die Schattenstadt Kalkuttas geblieben, der ungeliebte Zwilling auf der anderen Seite des Hooghly River, der die Stadt zerteilt. Als das lokale Bürgertum noch mächtig war, hat es hier seine Jute-Mühlen betrieben, heute rottet der Großteil der Anlagen vor sich hin. In den engen Gassen fehlt es an fließendem Wasser, bis zu 400 Menschen teilen sich eine Toilette. Die Zunahme von Automobilen hat den Großteil der Rikschafahrer, die traditionell aus den Slums kamen, um ihre Arbeit gebracht. Fortschritt, sagt Venkateswar, hieße, die wilden Siedlungen zu legalisieren, eine Grundversorgung zu gewährleisten, den Kreislauf der Marginalisierung durch Teilhabe an der Ökonomie der Stadt aufzubrechen. Doch der Fluss des Geldes und der Konsumgüter fließt ebenso an Howrah vorbei wie die Datenströme moderner Kommunikation, und die wenigsten der Besitzenden nehmen Anstoß daran. Die Welten bleiben getrennt. „In Indien gibt es viele Zeiten. In den Zentren bewegt sie sich manchmal, an den Rändern scheint sie stillzustehen.“
Indien im tiefsten Stillstand lässt sich in den Provinzen um Kalkutta erfahren, wo die Tiere auf dem Asphalt dösen und die Menschen malerisch, aber seltsam verloren in der Landschaft herumstehen. Mitten im Busch, am Ende einer Schotterpiste, liegt das Hirbandh Primary Health Center, ein schmuckloser, rissiger Bau. Der Arzt, der hier mit zwei Krankenschwestern und einem Drogisten behandelt, führt durch die Räume, wo Durchfallkranke, Blutarme und Mütter mit Neugeborenen scheu von ihren Matratzen aufblicken. Er zeigt das Behandlungszimmer und entschuldigt sich für die Zurückhaltung seiner Patienten – Besucher aus der Stadt kämen sehr selten. Dass medizinische Hilfe ein Dialog sein soll, sagt er, dass man den Kenntnisstand und die Traditionen der Landbevölkerung berücksichtigen müsse.
Der Wortschatz moderner Entwicklungshilfe ist bereits aufs Land vorgedrungen, wesentliche Teile der Infrastruktur sind es nicht. Das Telefon funktioniert nur in Ausnahmefällen, das Fehlen einer Ambulanz hat schon zu prekären Situationen geführt, dazu Medikamentenmangel und Stromausfälle. Die meisten Sorgen bereitet jedoch auch hier das schlechte Trinkwasser. Oft stehen die gerade als geheilt Entlassenen schon nach wenigen Tagen wieder vor der Tür, ein Teufelskreis, dem allein mit Medizin nicht beizukommen ist. Technisch wäre es kein Problem, einen tieferen Brunnen zu bohren, die deutsche GTZ, die das Projekt unterstützt, wäre binnen einer Woche dazu in der Lage, versichert der zuständige Field Officer. Doch so ist die Förderung in diesem Fall nicht ausgelegt. Und die Mühlen der eigentlich zuständigen indischen Behörden mahlen langsam.
Ein anschauliches Beispiel bietet der Distriktverwalter, zugleich der oberste lokale Gesundheitszuständige. Hinter seinem riesigen Schreibtisch wirkt er wie der Präsident einer vergessenen Sowjetrepublik. Links an der Wand hängt eine Landkarte, auf denen die Gebiete verzeichnet sind, über die er herrscht. Der Mann hat wenig Zeit, seine Geduld wirkt schon stark strapaziert durch die Formulare, die ihm von Untergebenen gereicht werden, manchmal springen zwei gleichzeitig herbei. Kurz muss er überlegen, ob er die Frage nach dem langsamen Fortgang der Dinge im Health Center beantworten soll. Nun, sagt er dann, die einfachen Leute der Gegend müssten eben erst allmählich an die Zivilisation herangeführt werden, sonst sei der Schock für sie zu groß. Aber die Verantwortlichen in Kalkutta wüssten Bescheid, alles befinde sich auf bestem Dienstwege. Etwas Geduld, dann wird man weitersehen.
„Indiens Bürokratie gehört leider zu den übelsten der Welt“, erklärt Manish, ein junger Architekt, der auch als Stadtführer arbeitet. „Die Bürokratie hat Kalkutta ihr Gesicht gegeben.“ Einer seiner „Heritage Walks“ führt durch den ehemaligen Herrschaftsbezirk der Briten, wo die über den Fluss verschifften Waren aus den Provinzen in riesigen Lagergebäuden verschwanden. Ein paar Meter weiter das Writer’s Building, ein Bau, wie ihn sich Kafka und Foucault gemeinsam ausgedacht haben könnten. Früher wurde hier hinter kolonialer Fassade penibel über die Plünderung des Landes Buch geführt, heute residiert in den Räumen ein Heer von Staatsdienern, deren Verwaltungsaufwand in umgekehrtem Verhältnis zum erzielten Ergebnis steht. Viele Geschichten kursieren über dieses steinerne Mahnmal der Ineffizienz, sarkastische Anekdoten, die dem Humor der Verwalteten entsprungen sind. „Es heißt, hier ginge kein Papier verloren. Ob es aber je wieder nach draußen gelangt, das ist die Frage.“
Dass die Globalisierung trotzdem nach Kalkutta vorgedrungen ist, zeigt sich ein paar Kilometer weiter, im Osten der Stadt, wo privates Kapital Enklaven geschaffen hat. Der Salt Lake Electronic Complex etwa glänzt mit verspiegelten Fassaden, wie man sie aus Bankenvierteln Europas und Amerikas kennt. Das Cyber-Städtchen, in Planquadraten angelegt und auf dem Gelände eines ehemaligen Slums errichtet, wirkt, als sei die digitale Moderne dem Gewebe der Stadt gewaltsam implantiert worden. Dynamische Business-Menschen mit Firmenpässen an der Brust schlendern über Straßen, die für Größeres bestimmt zu sein scheinen. SAP habe schon eine Filiale eröffnet, heißt es, demnächst werde auch Bill Gates kommen. Oft sind es aber gar keine Computer-Inder, die zu sehen sind, sondern Angestellte eines der vielen Call-Center, die hier eröffnet haben. Ihre Arbeit besteht darin, in geschultem Dienstleistungs-Englisch Auskünfte aller Art zu erteilen. Auch das ist Fortschritt: Wer aus London anruft und wissen will, wie das Wetter in Ohio ist, kann dies über Kalkutta erfahren.
Mit einem Job im Callcenter auf der Höhe der Zeit
Noch fehlt die Schicht, die den passenden Lebensstil im alten Zentrum der Stadt verkörpert, doch unter der Jugend finden sich bereits erste Avantgardisten. Bei seiner Arbeit treffe er immer häufiger auf 20-Jährige, die von einer internationalen Karriere träumen, erzählt Dev, ein Fotograf in T-Shirt und Jeans: Tagsüber hängen sie in einem der modernen Coffeeshops an der Park Street herum und führen ihre Klamotten spazieren, abends gehen sie in eine der Diskotheken, die in den umliegenden Luxushotels eröffnet haben. Auch die Arbeit im Call-Center werde keineswegs als Lohnsklaverei verstanden, die meisten fühlten sich chic und auf der Höhe der Zeit. Manchmal wundert sich Dev, was für Vorstellungen sich in den Köpfen der jungen Leute festgesetzt haben, und kommt sich mit seinen 30 Jahren bereits ein wenig alt vor. „Noch vor wenigen Jahren wäre es in Kalkutta undenkbar gewesen, dass höhere Töchter nicht um neun Uhr abends zu Hause sind.“
Dev, der rasend schnell spricht und dann wieder lange nachdenkt, sieht sich zwischen den Zeiten: dem Kalkutta, das kommen wird, und der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Dem Konsumismus der Teens und Twens steht er genauso reserviert gegenüber wie den ewigen Selbstbeweihräucherungen des lokalen Patriziats. Wegziehen will er trotzdem nicht, das Geschäft läuft gut. Seine Bilder werden nicht nur in indischen Magazinen, sondern auch in Hongkong und Mailand gedruckt, vor einigen Monaten hat er sogar das Plakat für eine Ausstellung in Kopenhagen entworfen. Die Entfernung spielt dabei keine Rolle mehr – wozu gibt es schließlich das Internet? Dev lehnt sich zurück und checkt kurz das Display seines Handys. Er kann es sich leisten, in Kalkutta zu bleiben, weil er die Stadt für seine Existenz nicht mehr braucht.
Kalkutta liegt nicht, wie der Schlager es wissen will, am Ganges, sondern an einem seiner Seitenarme, dem Hooghly River. Als die britischen Kolonisatoren Indiens dort Ende des 17. Jahrhunderts auf das bengalische Dorf Kalikata stießen, fanden sie eine günstige Situation für den Transport von Waren nach Europa vor. Mehr als 200 Jahre lang war Kalkutta unter dem Regime der englischen Krone die führende Stadt des Subkontinents. Mit der Verlegung des Regierungssitzes nach Delhi 1911 begann der Abstieg. Es folgte die Teilung Indiens 1948, Ostbengalen spaltete sich 1971 von Pakistan ab und wurde Bangladesch. Inzwischen leidet Kalkutta (im internationalen Sprachgebrauch: Kolkata) nicht nur an den Flüchtlingsströmen aus dem Nachbarstaat und dem eigenen Hinterland, es hat auch sein wirtschaftliches Standbein, die Juteproduktion, verloren. Das Goethe-Institut (in Indien: Max Mueller Bhavan) und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) veranstalteten in Kalkutta eine Konferenz, um unter dem Titel Does Culture Make A Difference? über „Fortschritt“ zu diskutieren. Ein ähnliches Treffen fand in Alexandria, Ägypten, statt ( ZEIT Nr. 16/04: Mitten am Rande der Welt ). Weitere werden in La Paz, Bolivien, Windhoek, Namibia, folgen
- Datum 19.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2004 Nr.22
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