Der Tresen ist verwaist, die Regale sind leer, und auch im Hinterzimmer scheinen weder Kekse noch Kuchen verborgen. In der zentralen Konditorei von Baracoa gibt es momentan einfach ganz und gar nichts zu kaufen, weshalb die vier anwesenden Bäcker sich auch das Recht herausnehmen, einfach ganz und gar nichts zu tun. Sie plaudern miteinander, entspannt in eine Ecke gelehnt, und haben keinen Blick für den zufälligen Kunden. Dessen Augen wandern durch den leeren Raum und lesen von den Wänden die mit schwungvollen Buchstaben gemalten zweifarbigen Sinnsprüche ab, mit denen das Kollektiv irgendwann einmal den Betrieb verziert hat. Zum Beispiel diesen: "Die Qualität liegt nicht in den Dingen, die der Mensch macht; sie liegt im Menschen, der die Dinge macht."

Aha. Wenn also der Mensch das eigentliche Qualitätserzeugnis ist – warum soll er sich dann wegen der Dinge verrückt machen, statt die Aufmerksamkeit auf sich selbst ruhen zu lassen und damit basta? Es könnte sein, dass in Baracoa, am östlichen Ende Kubas, die landestypische Mangelwirtschaft und der landestypische Hang zum Müßiggang besonders bequem miteinander auskommen. Überall sonst auf der Insel geht es jedenfalls hektischer zu, vor allem natürlich in der Hauptstadt Havanna, wo heutzutage immer mehr ausländische Joint Venturer unterwegs sind, wo sich deshalb auch die ungeduldigsten Kubaner sammeln, wo mithin die Einkommensunterschiede immer größer und sichtbarer werden und also der Druck beständig steigt. Aber noch jede Provinzhauptstadt hat einen schnelleren Puls als Baracoa, weil wenigstens der Verkehr laufend durch sie hindurchfließt. Baracoa dagegen liegt einfach außen vor. Am Rand. Da kommt man nicht zufällig vorbei; da muss man schon hinwollen.

Schnell ein paar Bohnen aussäen, den Rest des Tages wird gepicknickt

Baracoa hält etwas auf sich. Eine Menge sogar. Schließlich war man zuerst da. Und kein Geringerer als Christoph Kolumbus hat seinerzeit alles angestoßen. Am 27. November 1492 ist er hier vor Anker gegangen und dann, widrigen Wetters wegen, eine ganze Woche geblieben (womöglich ein erster Müßiggänger). Zum Abschied ließ er ein Holzkreuz zurück, mit dem die Indios der Umgegend damals nichts anzufangen wussten, das heute freilich als größter Schatz der städtischen Kirche gilt. Schon Kolumbus’ Bordbuch verzeichnet den Vorschlag, an Ort und Stelle eine Stadt zu gründen, was knapp 20 Jahre später Diego Velázquez macht, nachdem sich der spanische Hof zur Kolonialisierung der Insel entschlossen hat. 1511 wird Baracoa zur ersten Stadt Kubas und also auch zur Hauptstadt gekürt.

Schon vier Jahre später reicht Velázquez allerdings die Hauptstadtwürde an Santiago de Cuba weiter – der zentralerer Lage wegen. Baracoa bleibt zurück, immerhin mit seinem eigenen Stolz. Das Stadtwappen trägt bis heute den Spruch: "Mögen Kubas andere Städte größer sein, ich bleibe doch die allererste!"

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich Baracoa von der ersten Adresse zum letzten Ziel hinter den Bergen gewandelt. Erst in den siebziger Jahren wurde mit der windungsreichen Höhenstraße La Farola eine ordentliche (und zugleich wunderschöne) Zufahrt über Land gelegt. Aber viele Touristen scheuen den Umweg. Wer für seinen Urlaub nach Havanna oder in die Strandkolonie Varadero einfliegt, dem kommt schon der Weg in Richtung Osten bis Santiago de Cuba weit vor. Nun müsste man noch einmal mindestens fünf Stunden Bus fahren. Kann ein verschlafenes Städtchen aus Holz diese Mühe wert sein?

Es kann. Man muss nur alle Hoffnung auf herausragende historische Bauwerke fahren lassen und einfach durch die Straßen gehen. Das typische Haus in Baracoa ist einstöckig, direkt ans nächste gebaut, es hat ein Ziegeldach und eine farbig gestrichene Holzfront, große Fenster, eine große Tür und eine große, schattige Veranda mit schmalen, eleganten Säulen. So haben die Bewohner viel Platz, um in ihren Schaukelstühlen halb drinnen, halb draußen dem gemächlich vorbeiziehenden Leben entgegenzulungern.

Die Kubaner überhaupt, aber die Baracoenser im Besonderen sind Meister im Kommenlassen und Gehenlassen, im Zeitvertreib mit kleiner Münze, aber im großen Stil. Zeit gibt es reichlich, viel mehr als Arbeit, und geübte Baracoenser sagen dem Besucher auch ohne jede Scham, dass ihnen ein neuer Job einfach deshalb besser gefällt, weil sie dort noch weniger arbeiten müssen. Havanna, der fernen Hauptstadt, wird von hier aus zwar zugestanden, womöglich fürs Geldverdienen gut zu sein, ansonsten aber beklagt der Baracoenser rundheraus die Aufgeregtheit der Metropole, selbst wenn er noch niemals dort war, und lobt die Zurückgelehntheit in seiner Stadt. Das eint den Rentner, der sowieso nur noch eine ruhige Kugel schieben kann, und den jungen Wilden, der mal kurzzeitig aufbraust, weil in der ganzen Stadt nur ein halbes Schlagzeug existiert: Ja, in Havanna wär’s anders! Aber nein: dann doch Baracoa, der Langsamkeit zuliebe!