Calvino, der große Calvino, war selbstverständlich ein großer Europäer. Alle guten Schriftsteller waren immer auch gute Europäer – siehe Borges, siehe Cortazar. Natürlich Calvino. Tief verwurzelt im christlichen Abendland. Man denke nur an die Geschichte mit den zwei ungleichen Pantoffeln, die Herrn Palomar, dem Helden aus Calvinos letztem Roman, passiert ist. Dieser ins beschauliche Dasein verliebte, kurzsichtige Mann hatte auf Reisen im Orient ein Paar Pantoffeln erworben, von denen ihm, wie er zu Hause feststellen muss, nur einer passt. Der andere fällt ihm vom Fuß. Und jetzt der grundgütige alt-europäische Calvino: "Herr Palomar beschließt, die beiden verschieden großen Pantoffeln weiter zu tragen, aus Solidarität mit seinem unbekannten Unglücksgenossen, um diese so seltene Komplementarität lebendig zu halten, diese symmetrische Spiegelung hinkender Schritte über Kontinente hinweg."

Von dieser pantoffelntragenden Brüderlichkeit gegenüber dem hinkenden Mitgeschöpf, ja der disproportionierten Menschennatur überhaupt, wo immer nur eine Hälfte stimmt und die andere "vom Fuß fällt" –, findet man viel bei Calvino. Das springt jetzt natürlich ins Auge, da Europas Vergrößerung im Gange ist und ja auch Calvinos Werk immer noch wächst. Gut zwei Dutzend Fabeln und Erzählungen sind soeben aus dem Nachlass erschienen, einige davon zum ersten Mal, die meisten waren Gelegenheitsarbeiten für verschiedene italienische Zeitungen. Hier eine rezensentische Ordnung reinzubringen fällt gar nicht schwer, da wir ja nun diesen schönen Europa-Leitgedanken haben und als Ariadnefaden auslegen können. Gleich die erste Geschichte, Der Mann, der Teresa rief, noch aus den vierziger Jahren, kann man gar nicht anders lesen denn als Allegorie auf ein kosmisch ambitioniertes Europäertum. Ein Mann steht vor einem Haus und ruft zu den obersten Stockwerken rauf nach Teresa. Ein Passant will ihm helfen, sonst "hört sie’s nicht", und ruft mit. Im Nu ist die Straße voller Menschen, die alle im Chor "Te-reee-saaa!" rufen. "Es klang sehr gut." Allerdings antwortet niemand. Schon gar keine Teresa. Eine Teresa gibt es hier auch gar nicht, wie der erste Rufer bekennt. "Von mir aus können wir auch was anderes rufen", schlägt er vor. Betretenes Schweigen. Ein unbehaglicher Moment. Und jetzt, Calvino: "Na ja", sagte einer gutmütig, "wir können ja noch einmal Teresa rufen, und dann gehen wir alle nach Hause."

Es kommt also gar nicht darauf an, ob das Angerufene (im Haus Europa oder einem Gotteshaus oder sonstwo) existiert. Der Akt des Rufens mag absurd sein – Teresa, Allahu Akbar oder Jesu meine Freude –, Hauptsache, er verbindet, er schafft Nähe zwischen Fremden. Und diese Nähe, so absurd sie auch begründet ist, ist real für diesen Moment in dieser Stadt dieses Landes dieses Kontinents dieser Erdkugel dieses unendlichen kalten Raums, in dem alles wieder sang- und klanglos verschwindet.

Distanz ist das Grundgesetz aller Liebesgeschichten

Die Illusion von Nähe erzeugen zu können ist ein Verdienst und ein großes Glück, denn die Distanz ist "das Grundgesetz, das den Gang aller Liebesgeschichten wie aller Beziehungen zwischen lebenden Wesen regelt", heißt es in einer Geschichte, dem Selbstgespräch eines Geschäftsreisenden, der sich minutiös Rechenschaft abzulegen versucht, warum er – scheinbar paradox – Nähe nur über größtmögliche Distanz zu empfinden vermag. "Solange ich an deiner Seite bin, ist die Distanz unüberbrückbar." Doch gerade deshalb kann er es zweitausend Kilometer entfernt kaum erwarten, sie anzurufen. Er reist hauptsächlich, um sie von weit her anrufen zu können und diese vibrierende Nähe zu spüren, "bevor du Hallo sagst. Es ist dieses Schweigen der Schaltkreise, in dem ich mit dir spreche … Ich spreche zu dir, wie ich es niemals täte, wenn du mir zuhören würdest… dieses bange, unsichere, hektische Einander-Suchen ist der Anfang und das Ende von allem; nie werden wir mehr voneinander wissen als dieses Rauschen, das sich entfernt und in der Leitung verliert." Der andere wird aus der Ferne wieder zu einem ersehnbaren, weil einsamen, also wirklichen und verwandten Wesen.

Früher oder später kriegt dieser unbarmherzige Raum jeden klein

Calvino betrachtet seine Figuren mit der Barmherzigkeit einer italienischen mamma und der unbestechlichen Logik eines Father Brown. Er sieht ihre Verlorenheit, die vergeblichen Anstrengungen dieses animal rationale, sich aus seiner Tierheit herauszuarbeiten. Mitten im Gewühl an einer belebten Kreuzung trifft einen der "Blitz" der Wahrheit. Die Menschen um ihn herum, alle Dinge erscheinen ihm falsch, unwirklich, halluzinatorisch. Das versucht er den verstörten Leuten klar zu machen und versteht es im nächsten Augenblick selbst nicht mehr.

Früher oder später kriegt dieser kalte, unbarmherzige Raum, der in alle Zwischenräume dringt und alle Moral untergräbt, jeden klein. Der Architekt Enrico hatte einmal Großes vor. Er konnte es kaum erwarten, dass das Proletariat die Macht ergreift und er menschenwürdige Wohnungen bauen kann. Jetzt ist er nur noch darauf aus, "sich einträgliche Aufträge zu verschaffen, gleich welcher Art". Er fährt mit seinem Roller durch die Vorstädte, durch die Ödheit der Arbeitermietskasernen und "schnuppert im Wind, wie ein junger Hirsch auf der Suche nach frischem Gras, nach dem Geruch potenziellen Baulands". Gebaut hat er noch nie etwas. Sein Leben war nichts als ein trauriges Zuschütten von Möglichkeiten, eine schleichende Kapitulation. Doch davon spürt er nichts. Bis er einmal die Frau des Tagelöhners belauscht, die einen alten Tango singt . Er hörte "sie so singen und verstand immer weniger".