Der Plural im Titel ist nicht übertrieben. The Virgin Suicides , der 1993 erschienene Erstlingsroman des höchst erfolgreichen amerikanischen Schriftstellers Jeffrey Eugenides, hat tatsächlich den kollektiven Suizid von fünf Schwestern zum erzählerischen Gegenstand. Sie heißen Lisbon mit Nachnamen. Sie sind der Nachwuchs einer Mittelstandsfamilie im Mittelstandsmilieu eines Vorortes von Detroit und leben im hysterischen Klima von Verbot, sozialer Ausgrenzung und elterlicher Überwachung. Mr. Lisbon ist Lehrer von Beruf. Die Zeit: die frühen siebziger Jahre. Cecilia Lisbon, die Jüngste, macht an einem Sommertag den Anfang und schneidet sich die Pulsadern auf. Sie überlebt. Aber sie bleibt entschlossen. Cecilia stürzt sich, kaum genesen, vom Balkon des Lisbonschen Hauses auf die Eisenstäbe des Gartenzauns. Knapp ein Jahr später folgen ihr die vier anderen Schwestern. In einer akkurat geplanten Nachtaktion bringen sie sich eine nach der anderen um; mit dem Strick, mit Tabletten, mit Autoabgasen, mit dem Kopf im Backrohr.

Das alles, die ganze Geschichte, ist so monströs, so packend ungeheuerlich – wie unwahrscheinlich. Wir haben es hier mit einem Roman zu tun, in dessen Beschreibung die Wörter komplex und experimentell schon deshalb nicht fehlen dürfen, weil er den Ehrgeiz besitzt, gleichzeitig so realistisch, so zeit-, gegenstands- und mentalitätsnah zu sein wie Salingers Fänger im Roggen und so symbolisch, modell- und parabelhaft wie Kafkas Schloss. Die fünf Schwestern sind zwischen zwölf und siebzehn Jahre alt. Die Spanne ihrer eher unwirklich dichten Altersstaffelung umfasst folglich ziemlich genau jene biografische Epoche, die man Pubertät nennt. Das heißt: Im Herzen der Lisbonschen Familienfinsternis sterben nicht nur fünf Mädchen. Hier stirbt im übertragenen Sinn die Mädchenblüte des Lebens, und im noch höher übertragenen Sinn stirbt, kollabiert, degeneriert hier die ganze Natur. In zwei, drei Gedankenschritten lässt sich die Kerngeschichte des Romans, der Schwestern-Selbstmord, zum Bild einer Apokalypse hochrechnen. Die entsprechenden Alarmsignale ertönen in Orchesterstärke aus der erzählerischen Umgebung der Handlung. Es fängt an mit einer schier alttestamentarischen Ungezieferplage – dicke schwarze Schichten toter Schlammfliegen bedecken sommers das Viertel, lassen Fensterscheiben erblinden –, geht über in einen monatelangen Streik der Totengräber, die die Verstorbenen nicht mehr unter die Erde bringen, und reicht bis zum mörderischen Befall der Ulmen durch Splintkäfer. Die stolzen Bäume gehören motivisch der Unterwelt – vor diese postierte Vergil in der Aeneis eine riesige Ulme –, ganz zu schweigen vom Zustand des Lisbonschen Hauses selbst. Innen mit anwachsender Totalvermüllung ein nach Verwesung stinkender Augiasstall, der nach dem Tod der Mädchen und dem Auszug der Eltern am Ende mühsam entmistet wird. Drum herum, dort, wo vor dem Beginn der Selbstmordkatastrophe properer Vorgarten war, stetige Rückentwicklung zur dschungelhaften Wildnis.

Bildung und parodistisches Handwerk sitzen hier perfekt

Nach dem Tod der ersten Schwester verwandeln die Eltern Lisbon ihr Haus zügig in eine geschlossene Anstalt. Niemand kommt mehr hinein. Niemand mehr heraus. Die restlichen Schwestern werden von der Schule fern gehalten und von jedweder Außenwelt. Sie vegetieren wie Hühner in der Legebatterie. Kurzum: Dieser Roman schenkt sich nichts, was seine Geschichte durch schreiende Übertreibung der Groteske anverwandelt. Und dieser Roman stellt, wo immer in ihm Platz ist für ein Hinweisschild auf die abendländische Literatur- und zeitgenössische Modernitätsgeschichte, ein solches Schild auch auf. Das gut gemeinte Gestochere des Schulpsychologen in dem Fall der suizidalen Mädchen entgeht ihm so wenig wie die moralische Aufgekratztheit der fanatisch berichtenden Medien. Das parodistische Handwerk sitzt bei Eugenides perfekt. Die klassische Bildung ebenso.

Seiten wären allein mit der Abarbeitung der antiken Reminiszenzen und altphilologischen Referenzen zu füllen. Die Fabel des Romans (der im Original den deutlicheren Titel The Virgin Suicides besitzt) beruht auf Plutarch. Er berichtet in seinen Moralia von der rätselhaften Epidemie eines Jungfrauen-Selbstmords in der Stadt Milet. Diese hinwiederum wurde nach ihrer Zerstörung im 5. Jahrhundert vor Christus von dem Architekten Hippodamos nach dem System strenger Rechteckigkeit neu aufgebaut, das auch den Straßen- und Häuserzeilen der Detroiter Vorortidylle zugrunde liegt. Und was ist die kollektive Erzählerstimme von Eugenides’ Roman, die im "Wir" auftritt, anderes als eine Nachahmung des griechischen Chors?

Makaber und ironisch: Ein Roman wie ein US-Ermittlungsausschuss

Bei diesen Erzählenden handelt es sich um eine Clique von Nachbarjungen im Alter der Lisbon-Schwestern, die, wie es in der Pubertät so ist, hinter den Mädchen hergieren . Die Jungen hängen in Bäumen und Büschen, kauern auf Autodächern und starren auf die Festung des Lisbon-Hauses. Sie registrieren jede Bewegung am Haus und nehmen kurz vor dem Exodus mit den restlichen vier Schwestern in einer Telefon-Séance sogar noch einmal Kontakt auf; einer der szenischen Höhepunkte des Romans. Zum Zeitpunkt des Erzählens sind die Jungen schon erwachsene Männer mit mählich ergrauendem Haar. Sie rollen die Geschichte als Indizienfall auf. Sie haben alles, was von den Mädchen übrig blieb, Tagebücher, Seifenstückchen, Schulakten, archiviert und in der Ordnung von Beweisstücken nummeriert. Wie gesagt: Der Roman ist wirklich komplex. Im Wesen seiner Erzähler verbindet sich mit dem griechischen Chor obendrein das voyeuristische Paparazzitum und die Praxis einer amerikanischen Lieblingseinrichtung, des Ermittlungsausschusses.

Dies alles, dies stupend versammelte Programm trägt die Sprache der Erzählung im Ton munterster Sachlichkeit vor, dem das Tragische so fern zu sein scheint, dass sich die Wirkung des Makabren wie von selbst ergibt. Jeffrey Eugenides’ Erstlingsroman ist ein Werk der Ironie. Ironisch ist das Verhältnis zwischen Tonlage und Sujet. Ironisch ist das Verhältnis des Romans zu sich selbst. Er sieht seinem ästhetischen Entstehen und Gelingen wissend zu. Wäre er eine Person, hätte man den etwas Furcht einflößenden Fall eines Menschen vor sich, der über sein Unbewusstes restlos aufgeklärt ist und von allem Verdrängten weiß, dass es verdrängt ist und warum. Wenn The Virgin Suicides tatsächlich der Schule der Postmoderne zuzuschlagen ist, dann vor allem in diesem Punkt.

Der Roman ist mit mäßiger Beachtung 1993 im Deutschen, im Berliner Byblos Verlag erschienen und kommt nun in einer guten, leicht überarbeiteten Übersetzung noch einmal bei Rowohlt heraus, wo Middlesex, der epische Riesenroman, im vergangenen Jahr Triumphe feierte. Middlesex mit The Virgin Suicides zu vergleichen drängt sich förmlich auf. Middlesex wird bekanntlich von einem Hermaphroditen erzählt, der bis zum 14. Lebensjahr als Mädchen heranwächst, um dann, in schockhafter Erkenntnis seines männlichen Chromosomensatzes, als Junge und Mann weiterzuleben. So, wenn auch in eine Parabel gefasst, ist es auch bei den Lisbon-Mädchen und den spionierenden Jungen. Jene sterben. Diese überleben und erzählen am Ende.

Man hat von Jeffery Eugenides oft gehört, wie er in langen Kaffeehausgesprächen mit seinem Kollegen Jonathan Franzen in den neunziger Jahren dazu kam, der Postmoderne à la Virgin Suicides adieu zu sagen und zu einem homerisch ausladenden Realismus à la 19. Jahrhundert überzugehen. Was sich in Middlesex auf gut 700 Seiten niederschlug: ein historischer Wälzer, der eine Odyssee über zwei Kontinente, fünf Generationen, jede Menge Sachgebiete verdaut. Hier, in The Virgin Suicides das Gegenteil: Die künstliche Fixierung auf einen einzigen Schauplatz und dessen so monströse wie berechnete symbolische Aufquellung. Was einem solchen Roman vorzuhalten wäre, ist sein Perfektionsgeist. Sein Auftreten als Kunstwerk, das über den Rahmen des brillant Gekonnten nicht hinausgeht.