TexteDas Abc und die Welt

Carlos Fuentes redet über alles und jedes von Karl-Markus Gauss

Von Czes¬aw Mi¬osz bis zu Erwin Chargaff hat es in den letzten Jahren viele Autoren gereizt, einmal ihr persönliches "Alphabet" vorzulegen – ein Buch, dessen kompositorische Struktur durch das Alphabet bestimmt wird und in dem sie kapitelweise unterbringen können, was immer sie von A wie "Amerika" bis Z wie "Zauberflöte" für wert befinden, dass es von ihnen verdammt, gerühmt, erklärt oder beschrieben werde. Solche Form bietet dem Autor die Chance, Disparates ungezwungen aneinander zu fügen, und birgt die Gefahr, dass er die Dinge doch nur beliebig miteinander verknüpft. Groß ist die Verlockung, Restposten aus der Schublade für ein Buch zu sichten, dessen äußere Form scheinbar die größten Freiheiten gewährt, das aber nur dann konsistent ist, wenn zwischen den Stichworten innere Zusammenhänge bestehen. Sind es keine sachlichen, gedanklichen oder poetischen Bezüge, die verhindern, dass das alphabetisch angeordnete Buch in lauter Glossen und Zwischenrufe zerfällt, dann muss jede der Eintragungen von der gleichen subjektiven Gestaltungskraft durchdrungen sein.

Der Mexikaner Carlos Fuentes, dessen Werk in einer fast unüberschaubaren Vielfalt an Romanzyklen, Erzählsammlungen und Essays ausgebreitet liegt, ist zweifellos ein Autor, der die Dinge mit schöpferischer Subjektivität zu deuten weiß; aber ich möchte wetten, er hat sein Alphabet des Lebens nicht als eigenständiges Buch komponiert, sondern aus vielerlei Texten, Notizen, Gelegenheitsarbeiten, Reden kompiliert. Weil er ein bedeutender Autor ist, gelingen ihm großartige Passagen; weil er das Buch nicht eigens geschrieben, sondern zusammengestellt hat, ist dessen innere Schlüssigkeit gering. Die Übersetzerin Sabine Giersberg hat sich dem Anspruch, mit Fantasie und Witz dem spanischen Original ein auch in seiner Abfolge deutsches Alphabet abzugewinnen, aus verständlichen Gründen erst gar nicht gestellt, und folglich lesen wir von "Amisdat" (Freundschaft) über "Izqierda" (die Linke) bis "Zürich", was Fuentes über große Gefühle, politische Anliegen und die Städte seines Lebens zu erzählen hat.

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Schon zu "Amisdat" fällt ihm Interessantes ein. Fuentes wuchs als Sohn eines Diplomaten auf, sodass die Familie alle paar Jahre den Wohnort wechselte, was dem Kind die Fähigkeit abverlangte, mehrere Sprachen zu lernen und schnell Freundschaften zu schließen. Gleichwohl hält Fuentes es für "eine höhere Form von Freundschaft, wenn man zusammensein kann, ohne etwas zu sagen". Dem schönen, ruhigen Lob auf die "Freundschaft im respektvollen, nachdenklichen Schweigen" schließt er als zweiten Text zum Buchstaben A einen unruhigen Traktat über "Amor" an, in dem "die Liebe" als wesentlich prekärere Begabung des Menschen erscheint. "Ich zweifle nicht daran, dass Hitler Deutschland liebte", lesen wir, aber der irritierende Gedanke wird nicht vertieft, außer mit dem Hinweis, dass die Liebe offenbar den Hass gegen alles einschließen kann, was dem Objekt der Liebe konträr zu sein scheint. Statt die heikle Vorstellung einer "aus Haß genährten Liebe" weiterzuverfolgen, springt Fuentes hurtig von einer Asssoziation zur anderen, um endlich von Hitler zu einer nach Kishon klingenden Frage zu kommen: "Könnten Romeo und Julia zusammen alt werden?"

Worüber schreibt Fuentes? Viel und kundig über sein eigenes Metier, die Literatur – etwa über Balzac, Faulkner, Kafka, Don Quijote, Shakespeare; gedankenreich über philosophische Fragen wie "Muerte" (der Tod) oder "Tiempo" (die Zeit); pflichtgemäß zu politischen Themen wie Globalisierung, Revolution, Zivilgesellschaft; und originell über Gefühle, Leidenschaften, Begierden – Sex, Eifersucht und Schönheit… Ach, über allerlei eben, was einem so einfällt, wenn man das ganze Alphabet mit seinen 26 Buchstaben zur Verfügung hat, aber eben auch keinen davon auslassen darf.

Das Alphabet, nicht als literarisches Genre, sondern als Buchstabenreihe einer Schriftsprache verstanden, war eine der großen zivilisatorischen Erfindungen der Menschheit. Das gesamte Wissen einer Epoche, das bis dahin einer Kaste von Priestern, einer kundigen Elite vorbehalten war, konnte jetzt mitgeteilt und studiert werden in einem schriftlichen System, dessen Zeichen quantitativ begrenzt und folglich rasch erlernbar waren. Fast scheint es, Fuentes wolle dieser Errungenschaft dadurch Tribut zollen, dass er in seinem Abc tatsächlich auf alles und jedes zu reden kommt.

Dem Buch selbst gereicht das nicht zum Vorzug. Am besten ist Fuentes, wenn er über ihm nahe Menschen schreibt – über seine Kinder ("Hijos") oder Silvia, die Ehefrau, der er mit einer wunderlichen Liebesgabe aufwartet: "Ich liebe sie, weil ich der pünktlichste Mensch der Welt bin und sie immer zu spät kommt. Das ist Teil ihres Charmes. Auf sich warten zu lassen." Silvia ist ihm die "Galaxie", die all die anderen Frauen seines Lebens als "Sterne" enthält, denn sie vereint in sich, was er früher in verschiedenen Frauen suchen musste und was ihn folglich von einer zur nächsten trieb.

Obwohl Fuentes als scharfsinniger politischer Geist gilt, geraten ihm just die politischen Passagen am langweiligsten. Was er über das Problem der "Educación", der Bildung, in einer Welt zu sagen hat, die jährlich 800 Milliarden Dollar in die Rüstung steckt, aber die 6 Milliarden nicht aufbringt, mit denen jedem Kind eine Schulbildung zuteil werden könnte, das würde der engagierte Referent eines regionalen Bildungsinstitutes nicht anders formulieren. Überhaupt fallen Fuentes zu seinen politischen Stichworten fast nur Dinge ein, die zwar nicht falsch sind, aber die festzustellen er nicht der bedeutende Schriftsteller sein müsste, der er unzweifelhaft ist. Er hielt es offenbar für seine Pflicht, nicht bloß von seinen privaten Obsessionen, philosophischen Einsichten und künstlerischen Erfahrungen zu berichten, sondern auch der Politik den gebührenden Platz in seinem Bekenntnis "Woran ich glaube" zukommen zu lassen. Ich glaube, das war keine gute Idee.

Carlos Fuentes: Woran ich glaube Alphabet des Lebens; aus dem mexikanischen Spanisch von Sabine Giersberg; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004; 379 S., 24,90 €Woran ich glaubeNotizenBelletristikspanischAlphabet des Lebens; aus dem mexikanischen Spanisch von Sabine GiersbergCarlos FuentesBuchDVA2004München24,90379Sabine Giersberg
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