Der Bedenkenträger unter den großen Pianisten muss nicht erfunden werden, es gibt ihn schon. In den USA sucht er sich einen Flügel aus und lässt ihm eine teure Klaviatur aus Europa einbauen. In seinem Arbeitszimmer lässt er wichtige Aufnahmebänder in der Ecke stehen, statt sie zum Schnitt vorzubereiten. Und weil Geduld die Mutter aller Taten ist, hat er sich 28 Jahre Zeit genommen, um einen spektakulären Schallplattenplan endlich in die Tat umzusetzen.

Der Pianist heißt Krystian Zimerman. Endlich hat er die entscheidenden Bänder hervorgeholt, seine an einem Flügel in Amerika entstandene Aufnahme lizenziert und somit dem Vertragswerk Genüge getan: Zimerman, ein fulminanter Debussy-, Brahms- und Chopin-Interpret, legt die ersten beiden Klavierkonzerte von Sergeij Rachmaninow auf CD vor. Bereits 1976, ein Jahr nach seinem Sieg beim Warschauer Chopin-Wettbewerb, hatte er das Schallplattenprojekt mit der Deutschen Grammophon geplant. Damals war er 19 Jahre alt und hätte die beiden Schlachtrösser des Repertoires satteln können.

Allerdings brauchte er die lange Zeit, um den Komponisten als Interpreten aus seinem Ohr zu vertreiben. Von Sergeij Rachmaninow existiert eine Aufnahme, auf der er selbst das 1. Klavierkonzerts fis-moll spielt. Zimerman findet die "absolut genial" und lange stand sie wie ein unüberwindliches Gebirge zwischen ihm und dem Werk. Irgendwann kam ihm ein Freund zu Hilfe, der Dirigent Seiji Ozawa. Gemeinsam haben sie schon Liszts und Brahms’ Klavierkonzerte gestemmt, ähnlich furchterregende Werke. Ozawa ist für Zimerman ein idealer Partner, streng in der Ideenfindung, verbindlich und kompromissbereit in der Teamarbeit. Von zwei Seiten betrachtet, sah Rachmaninow plötzlich bezwingbar aus. Wenn man die Interpretationen der beiden nun anhört, fällt gleich Zimermans Behandlung der Akkorde auf. Er tastet sie ab, man könnte auch sagen: Er knetet sie, ohne dass sie zu Klumpen werden. Und selbst in Momenten leidenschaftlichster Verdichtung schimmern sie in seinem Spiel noch wasserhell.

Reine Seele statt Schauerspätromantik

Zimerman will, so kündigt er im Beiheft an, seinen Rachmaninow nicht bloß spielen, er will ihn leben und alle Kontrolle fahren lassen. Das ist natürlich gefährlich, weil die beiden Werken unter Kitschvorbehalt stehen. Aber der Bedenkenträger behält kühlen Kopf. Die einleitenden Akkorde des c-moll-Konzerts, diesen dunklen Klangteppich wie aus schweren Träume der Musik, spielt er abgebrüht, ja eisig, als wolle er überhaupt den ganzen Kopfsatz ins Gefrierfach schieben. Doch wächst aus der Kälte nicht Starre, sondern Gewalt, und der Orchestereinsatz zeigt, wohin sie führen wird.

Ozawa und das Boston Symphony Orchestra dienen sich dem Pianisten als flammend an. Alle sind genusssüchtig, gleichwohl in Maßen. Man will dem Komponisten am Morgen danach noch ins Gesicht schauen können. Alles Süßliche verliert sich im Expressiven. Aber die Kopfsätze der beiden Konzerte klingen nach dosiert eingesetzter Droge, nicht nach Neurose. Dem Andante des fis-moll-Konzerts wird das Morbide versagt, es gewinnt Charme. Der Hörer kann so vordringen vor zu einer wesentlichen Dimension der Musik – ihrer schwungvoll-nervösen Gespanntheit. Reine Seele statt Schauerspätromantik. Gefühlvolles erwächst aus rhythmischer Kontrolle. Es ist die Wiedergeburt Rachmaninows aus dem Geiste Schumanns.

In den Finalsätzen gibt es natürlich wenig zu bändigen und zu bedenkentragen – hier ist Brillanz reißerisch und rauschend bei sich selbst. Zimerman lässt sich den Spaß anmerken, dem ihm die bravouröse Schule der Geläufigkeit macht. Russland in Boston, westöstliches Gipfeltreffen. Zur aufschlussreichen Besichtigung der Originalpartitur des cmoll-Konzerts war es für Zimerman ohnehin nicht weit: Sie liegt in Philadelphia.