Generalmajor Geoffrey Miller glaubt an den Krieg, an Amerika und an das Gute im Soldaten. Darüber, dass sich einige GIs bei der Behandlung irakischer Kriegsgefangener nicht an die in sie gesetzten Erwartungen gehalten hätten, sagt er, seien sie jetzt alle "ein klein wenig verlegen".

Der Zwei-Sterne-General ist der neue Leiter des Gefängnisses von Abu Ghraib, in dem die meisten Misshandlungen von Gefangenen stattfanden, und aller anderen Haftanstalten und Verhörzentren im Irak. Auf diesen Posten wurde er Anfang April beordert, kurz bevor der Skandal an die Öffentlichkeit drang. Nun soll Miller in Abu Ghraib westlichen Werten Geltung verschaffen. Eine bemerkenswerte Berufung. Denn qualifiziert hat er sich für diese Aufgabe ausgerechnet als Befehlshaber von Guantánamo, dem berüchtigten Gefangenenlager auf Kuba. Bereits Anfang September letzten Jahres hatte Miller die Gefängnisse im Irak inspiziert. Was er sah, missfiel ihm: Die "nachrichtendienstliche Ausbeutung Kriegsgefangener" – eine seiner Lieblingswendungen – entsprach nicht den von ihm in Guantánamo gesetzten Standards.

Er werde Abu Ghraib "guantánamoisieren", kündigte Miller an – so erinnert sich Brigadegeneralin Janis Karpinski, damals Kommandantin des Gefängnisses (und inzwischen infolge des Folterskandals offiziell abgemahnt) an ihre erste Begegnung mit dem zukünftigen Kommandanten. Der militärische Geheimdienst, im Jargon thumbscrews genannt, Daumenschrauben, sollte die Oberhoheit über die zur Bewachung der Gefangenen eingeteilten Militärpolizisten erhalten. Die Militärpolizei selbst, so habe Miller erklärt, werde zukünftig beim Verhörprozess "positiv mitwirken" und die Häftlinge "auf die Verhöre vorbereiten". Im Klartext: einschüchtern und weich machen.

Die Generalin wehrte sich. Ihrer Schilderung zufolge erwiderte Miller auf ihre Einwände: "Entweder, wir machen es auf meine Art, oder ich werde das erzwingen." Er ließ das Zimmer, in dem die Unterredung stattfand, räumen. Unter vier Augen habe er dann erklärt: "Ich habe Vollmacht von höchster Stelle. Wir werden hier neue Verhörpraktiken einrichten. Wir werden hier Militärpolizisten herbringen, die wissen, wie man Ermittlungen führt."

War es wirklich so? Millers Sprecher bestreitet diese Darstellung: So, wie die Generalin behauptet, habe sich sein Chef nicht ausgedrückt – aber wie die Begegnung aus seiner Sicht verlaufen sei, hat Miller bislang nicht verraten.

Unstrittig ist, dass im Herbst 2003 Zug um Zug neue Methoden eingeführt wurden. Nach Ansicht etlicher Politiker und auch einiger US-Offiziere trugen sie zumindest teilweise zu dem danach einsetzenden Schreckensregime bei. Generalmajor Antonio Taguba, Autor eines im Februar verfassten und vorletzte Woche veröffentlichten Bericht über den Skandal, kritisiert Millers Methoden scharf: "Ein Haftregime, in dem die Militärpolizei positive Bedingungen für Verhöre schafft, läuft dem geordneten Gang eines Gefangenenlagers zuwider."

Miller, 55 Jahre alt, stammt aus Menard, einem Provinznest im Süden von Texas. "Ich bin ein alter Fallschirmjäger, ein geradliniger Typ" – so beschreibt er sich selbst. In der langen Liste seiner militärischen Stellungen spielen Luftlandeeinheiten allerdings eine eher untergeordnete Rolle. Miller hat Geschichte studiert und machte seine Karriere in Kasernen und am Schreibtisch. Eine Zeit lang lehrte er Militärwissenschaft an der Steven F.Austin State University in der texanischen Kleinstadt Nacogdoches. Keine seiner zahlreichen Medaillen belohnen Bravour oder Tapferkeit. Er diente immer in der Etappe.

Manchmal, wenn er wieder eine Frage mit dem Charme eines Roboters beantwortet hat, lächelt der General. Es ist kein gefälliges Lächeln oder gar ein Zeichen von Liebenswürdigkeit. Es ist ein Lächeln, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt.