Bisweilen erinnert der Blues an eine dieser traurigen Damen, die mit schrillen Shorts und Make-up über ihr Rentnerinnen-Dasein hinwegzutäuschen versuchen. Ein Rummelplatz der Maskeraden: Die einstige Musik der schwarzen Unterschicht animiert heute im launigen Party-Outfit vor allem junge weiße College-Kids. Und Bessie Smith, Howlin' Wolf, Muddy Waters und Robert Johnson? Zieren eine Briefmarkenserie der US-Post - Letzterer allerdings erst, nachdem man ihm die Zigarette im Mund aus dem Originalfoto retuschierte.

Otis Taylor ist nun aufgebrochen, die Enterbten zu rächen. Wenn Kritiker dem 55-Jährigen attestieren, er klinge so authentisch, als wäre er schon seit 40 Jahren tot, dann kann der in Chicago geborene Sänger und Gitarrist sich nur grimmig durch den Bart streichen. Taylors Songs lassen jede Party auflaufen, sie tönen bedrohlicher als mancher HipHop-Act und zielen mitten ins Herz der amerikanischen Gegenwart.

Double V (Telarc 83601) ist das späte Testament eines zurückgewiesenen Eigenbrötlers. Als die Briten Ende der sechziger Jahre - dank der Rolling Stones, Eric Clapton oder den Animals - ihre Liebe zum schwarzen Blues entdeckten, erhielt auch Otis Taylors Band Tickets zu einer Aufnahmesession in London. Doch die Plattenfirma konnte sich mit den eigenwilligen Kompositionen des Newcomers nicht anfreunden. Taylor wurde Antiquitätenhändler, spielte bestenfalls noch für Freunde. Bis er vor vier Jahren aus seinem Möbellager auftauchte und mit Alben wie White African, Respect The Dead oder When Negroes Walked The Earth späte Revanche an einem apolitisch gewordenen Genre nahm.

Nicht dass sich sehnsüchtige Folk-Melodien wie Please Come Home Before It Rains dem Pophörer verschließen würden. Doch auch auf seiner jüngsten CD verzichtet Taylor auf alle Blues-Orthodoxien, baut Songs aus einem einzigen repetitiven Mandolinen- oder Banjo-Riff und bringt statt Gitarrensoli das atmosphärische Summen und Dröhnen von bis zu vier Celli ins Spiel. Eine hohe klagende Frauenstimme kontrapunktiert seinen stöhnenden, heiseren Vortrag.

Mama's Selling Heroin: Taylor singt mit derselben Dringlichkeit von seiner drogendealenden Mutter wie vom ausgebeuteten schwarzen Radprofi. Und welcher Amerikaner kennt nicht das ältere Ehepaar, das wie in Plastic Spoon Hundefutter isst, um sich seine Medikamente leisten zu können? Die Geschichten auf Double V stammen wie die Musik vom vergessenen Rand der amerikanischen Gesellschaft. Otis Taylors Blues kennt kein Make-up, nur Empathie.