Als das Schaf Dolly frühzeitig starb, hieß es in vielen Nachrufen, das Tier sei Opfer der riskanten Klontechnik geworden. Der Verdacht lag nahe, denn schon bald nach der Geburt wurden in Dollys Erbgut verkürzte Telomere entdeckt – und just diese Schutzkappen an den Enden der Chromosomen gelten als Gradmesser für die Lebenserwartung. Telomere werden im Lauf des Alters immer kürzer. Eigentlich logisch, dass Dollys Lebensuhr falsch tickte, stammte ihr Erbgut doch aus einer tiefgefrorenen Euterzelle eines längst verblichenen sechs Jahre alten Schafs! Dazu passten auch die vielen Fehlversuche beim Dollyklonen. Hätte man statt alter Euterzelle blutjunge Fötenzellen genommen, das Schafkopieren wäre wohl glatter verlaufen. Alles passte in ein Gesamtbild.

Und dennoch ist die Annahme falsch. Der Biotechnologe Heiner Niemann vom Institut für Tierzucht in Mariensee und sein Kollege Lenhard Rudolph von der Medizinischen Hochschule Hannover haben überprüft, wie sich verschiedene Erzeugungswege auf die Telomerlänge bei Säugetieren auswirken. In den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlichen sie jetzt ihr erstaunliches Ergebnis: Gleichgültig, ob Mäuse oder Rinder auf natürliche Weise, durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas (In-vitro-Fertilisation [IVF]), durch Klonen aus fötalen oder erwachsenen Zellen entstanden sind – die Telomerlängen der Tiere sind gleich. Dollys verkürzte Telomere waren offenbar eine Ausnahme, nicht die Regel.

Wie lässt sich dies verstehen? Die Forscher haben fleißig Telomerlängen in verschiedenen Entwicklungsstadien gemessen, bei Ei- und Samenzellen, in frühen Embryonalstadien, in fötalen und erwachsenen Körperzellen und in geklonten Rindern. Erwartungsgemäß übertrafen die Telomerlängen der Keimzellen jene der fötalen Zellen, am kürzesten waren sie in erwachsenen Zellen. Das passt zu der Vorstellung, wie diese molekulare Uhr des Lebens tickt: Telomere bilden jeweils die wurstförmigen Endstücke der Chromosomen, in denen das Erbgut dicht verpackt ist. Jedes Mal, wenn eine lebende Zelle sich teilt (und altert), werden die Telomere um ein Scheibchen gekürzt. Zellteilungen sind lebensnotwendig, zum Wachstum oder zur laufenden Regeneration alten Gewebes. Doch wie und wann genau wird die Telomerlänge reguliert, und vor allem: wie wird beim Klonen mit altem Erbgut die Uhr wieder zurückgestellt auf Start?

"Der entscheidende Schritt erfolgt in der frühen Embryonalentwicklung durch ein Enzym namens Telomerase", sagt Heiner Niemann. Die Telomerase stellt die Lebensuhr zu einem präzisen Zeitpunkt wieder auf Start, und zwar dann, wenn der kugelförmige Embryo nach einer Serie von Zellteilungen in die so genannte Blastozyste übergeht. Er bildet dann eine Hohlkugel, ähnlich einer Brombeere. Dann bringt die Telomerase die Telomere auf eine Standardlänge fürs spätere Leben. Dies geschieht unabhängig davon, ob das Ausgangsmaterial vorher fast schon eine passende Länge aufwies (etwa nach natürlicher Befruchtung oder IVF) oder deutlich verkürzt war (nach Klonen aus alten Zellen). Bei Mäusen wie bei Rindern geschieht dies in der gleichen Entwicklungsphase.

Die Nagelprobe gelang den Forschern mit gentechnisch veränderten Mäusen. Den Tieren fehlte durch einen gezielten Defekt (Knock-out) das Enzym Telomerase. Siehe da, die Telomere blieben kurz.

Woran aber starb Dolly? "Nicht an den leicht verkürzten Telomeren, sondern an einer Virusinfektion", sagt Niemann. Eine schwere Lungenentzündung ließ sich nicht mit Antibiotika behandeln, deshalb wurde das Schaf geröntgt. Die Lunge war voller Tumoren, verursacht durch Retroviren (Adenomatose), eine in Schottland bekannte Schafskrankheit. Um Dolly ein qualvolles Siechtum und ihrer Firma aufwühlende Bilder in der Weltpresse zu ersparen, wurde sie eingeschläfert. Hans Schuh