Rheinkilometer 615. Weiß schäumend wächst eine Wasserfontäne wie in Zeitlupe senkrecht nach oben. Zwei Schritte zurück, Kopf in den Nacken: Keine Minute, und der Strahl steigt, vorbei an den Wipfeln der Pappeln und Weiden ringsum, hoch in den Himmel. Ein leichter Luftzug trägt die Schleppe zerstäubten Wassers nach Norden. Im nördlichen Rheinland-Pfalz, dort, wo die Osteifel im Mittelrheingraben endet, sprudelt ein Geysir.

Georg Jentsch visiert mit einem Inklinometer die Spitze der Fontäne an. "45 Meter hoch", liest er ab. 50 Meter sind schon gemessen worden; die höchste Fontäne eines Geysirs dieser Art – weltweit. Allerdings ist die Konkurrenz überschaubar. Denn der Wassernebel, der hier niedergeht, ist kalt. Es handelt sich um einen Kaltwassergeysir, und die sind selten. Einige gibt es noch in den USA und der Slowakei. Anders als auf Island oder Neuseeland, wo Erdhitze heiße Wasserfontänen aufsteigen lässt, steckt bei kalten Geysiren Kohlendioxid hinter dem Spektakel. Das Gas drückt nach oben und reißt dabei Grundwasser mit. "Da kommt pro Sekunde nicht viel mehr Wasser hoch als durch einen gut aufgedrehten Gartenschlauch", sagt der Geologe Bernd Krauthausen. 30 Bar Druck machen daraus Gischt. Die Fontäne am Rhein ist eine Sehenswürdigkeit.

Allerdings ohne Publikum. Einzig Krauthausen, sein Assistent Jentsch und Jan Deuster von den Stadtwerken Andernach wissen, wann es sprudelt. Weil sie nämlich selbst dem gefangenen Geysir den Hahn aufdrehen, einmal im Monat und unter strenger Geheimhaltung. "Nicht mal unsere Frauen wissen, wann", sagt Deuster. Überließe man die Fontäne einfach sich selbst, spränge sie gut alle anderthalb Stunden an, regelmäßig wie ein Uhrwerk würde sie 40 bis 50 Meter hochsteigen. Das dürfte viele Neugierige anlocken – darf aber keinesfalls sein. Denn das Namedyer Werth ist nicht nur die "Insel des schlafenden Geysirs" (Andernacher Annalen), sondern auch seit fast 20 Jahren ein Naturschutzgebiet, um das jetzt auch noch Streit ausgebrochen ist. Umweltschützer und Tourismusförderer zanken vor Gericht, wie viel Natur man für diese Sehenswürdigkeit aufs Spiel setzen darf und ob sich ein Ersatzbiotop aufrechnen lässt gegen das bestehende Kleinparadies. Eine Attraktion in Wartestellung also mit ungewisser Zukunft.

Im Geysir gelten die Gesetze der Sprudelflasche

Schon 1903 wurde erstmals auf dem Namedyer Werth nach Mineralwasser gebohrt. Kohlendioxid- und Sprudelwasserquellen gibt es praktisch in jedem Dorf in der Osteifel. Auf der Insel aber, die sich sichelförmig in die Rheinbiegung gegenüber von Leutesdorf schmiegt, wartete auf die Sprudelwasser-Sucher ein Überraschungstreffer, ein 50 Meter hoher Kaltwassergeysir. "Da gehören schon ein paar geologische Zufälle dazu", sagt Thomas Himmelsbach von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover. "Das ist schon fast ein Sechser im Lotto." Ein ganz besonderer Untergrund bereitet unter dem Andernacher Stadtteil Namedy die Gischt-Show vor: Schieferschichten versperren dem Grundwasser dort eine vertikale Bewegung. Durch Klüfte steigt aus vulkanischen Quellen Kohlendioxid auf. Doch das geologische Lotto-Glück der Andernacher geriet im Verlauf von zwei Weltkriegen, Beschädigungen und Besitzerwechseln allmählich in Vergessenheit und wurde schließlich verschlossen.

Vor wenigen Jahren entschieden dann die Stadtväter, den Geysir wieder zu wecken und touristisch zu nutzen. Sie erwirkten eine Eilgenehmigung und ließen im Jahr 2001 neben der historischen Stätte eine Probebohrung niederbringen. Die Freude über den sprudelnden Erfolg währte nur kurz, per Gerichtsbeschluss kam der Geysir unter Kontrolle.

Sein über 350 Meter tiefes Bohrloch durchsticht die Schichten und bietet beiden Elementen einen Hohlraum: Der läuft voll Grundwasser, das sich mit Gas anreichert. Die Wassersäule steigt, und mit ihr der Druck. Je größer er ist, desto mehr Kohlendioxid (CO2) kann gebunden werden – bis das Maximum erreicht ist. Strömt weiter Gas von der Seite ins Bohrloch, dann beginnt das CO2 auszuperlen und steigt auf. Irgendwann werden die Gasblasen so groß, dass sie den gesamten Querschnitt des Lochs durchmessen. Jetzt drücken sie das Wasser in Richtung Oberfläche.

Lässt man den Hahn offen, dann springt der Wasserstrahl bald in voller Größe, die immer größer werdenden Blasen machen sich mit gut hörbarem Ploppen bemerkbar. "Streng genommen ist das ein Sprudelflaschen-Effekt, kein richtiger Geysir", sagt Himmelsbach. Dass Laien statt "Gas-Arteser" lieber "Kaltwassergeysir" sagen, hält er für vertretbar. Von "cold-water geyser" sprechen auch die Amerikaner.