Er war der Anführer der sieben Samurais. Hans Schueler stand an der Spitze der Redakteure, die im Jahre 1969 ihre journalistische Standesehre in der Welt verteidigten. Deren damaliger Chefredakteur Herbert Kremp hatte einem der Kollegen schriftlich anheim gestellt, die Konsequenzen zu ziehen, falls er weiter gegen die „Richtung“ anschreibe. Auslöser der Abmahnung war die positive Rezension eines Buches von Bundespräsident Gustav Heinemann gewesen. Heinemann sei, so Kremp in seinem Drohbrief, ein Chamberlain, der „psychodelisch nach Osten marschierte“.

Sieben Redakteure nahmen das nicht hin. Der damals 39-jährige Schueler feilte die geharnischte Gegenerklärung aus. Als sie auf den Dienstweg gebracht war, rief er bei Marion Gräfin Dönhoff an und fragte, ob es bei der ZEIT ein Netz gäbe. Die Gräfin antwortete: „Es gibt kein Netz für Sie. Aber einen Stuhl!“

Zu diesem Stuhl pilgerte bald schon die halbe Redaktion. Die politischen Konferenzen brauchten Schuelers juristische Expertisen. Die Redaktionsausschüsse suchten seinen Rat und sein Rückgrat; er vertrat ihre Sache mit gestochener Rede und prozessualer Präzision. Immer mehr Leser orientierten sich gerade in den Jahren nach 1968 an seinen leidenschaftlichen Kommentaren zur Verfassungswirklichkeit der Bundesrepublik. Der Anwalt Schueler wurde eine Art Kronjurist des Blattes. Die Insignie für diese Rolle erhielt der parteilose Journalist von Adolf Arndt, dem großen Parlamentarier und Kronjuristen der SPD-Fraktion. Als sich der vormalige Oberstaatsanwalt zurückzog, schenkte er dem Journalisten seine Robe.

Schuelers Credo war die Rechtssicherheit, die er als wichtigste Verpflichtung des demokratischen Staates gegenüber dem Bürger ansah. In den Jahren, als die Bundesrepublik noch das Versagen deutscher Juristen im Dritten Reich aufzuarbeiten hatte, galt der liberale Publizist vielen als Vorbild. „Er war unser Kompass“, hat der Berliner Rechtsgeschichtler Uwe Wesel gesagt. Dieser Vergleich hätte dem Oberstleutnant der Reserve und Instrumentenflieger wohl gefallen – so sehr er sonst große Worte ablehnte.

Schueler, der in Coburg aufwuchs, hatte in Erlangen Jura studiert. Das Studium verdiente er sich als Lokalreporter. Er kam vom Schreiben nicht wieder los. Die Artikel zu den Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts, die er zwischen den siebziger und den neunziger Jahren verfasste, erscheinen heute wie zeitgeschichtliche Exponate in Glasvitrinen: kristallklar, geschliffen, ohne verstaubte Wortgemälde. Ihre Aktualität ist bestechend und beklemmend. Über den Datenschutz, der heute der Terrorbekämpfung zum Opfer zu fallen droht, schrieb unser Kollege Ende 1983, als Karlsruhe der Klage gegen das Volkszählungsgesetz stattgab: „Hätte das Verfassungsgericht diese Aushöhlung hingenommen, würde sich der Rechtsstaat Bundesrepublik den Gebaren von Unrechtsstaaten angenähert haben.“

Schueler fühlte sich als Wächter, seine – altenglische – Parole lautete: „Liberty dies by inches“, die Freiheit stirbt zentimeterweise. Die Rechtssicherheit ging ihm noch über die Gerechtigkeit. Er war kein Emile Zola. Aber die Grundrechte, den Satz der Verfassung, wonach „Eigentum verpflichtet“, diese Werte verteidigte er schon, als der Shareholder-Value noch nicht die alleinige Maxime der Wirtschaftsmoral war. Die Klagen von Unternehmen und ihren Verbänden gegen das Mitbestimmungsgesetz, das Karlsruhe daraufhin 1979 als verfassungskonform erklärte, nannte er „ein massives Ansinnen, die derzeitige Art des Wirtschaftens als gleichsam gottgegeben zu bestätigen“.

Der Journalist wollte den Rechtsschutz, nicht die Welt verbessern. Was sein Lieblingsautor Theodor Fontane über sich schrieb, passte auch zu ihm: „Vom Weltreformator bin ich weitab, habe zum Beispiel eine Abneigung… gegen die Missionare, die Weltreformatoren kleinen Stils sind… Ich finde es anmaßend, wenn ein Schustersohn aus Herrnhut 400 Millionen Chinesen bekehren will.“