Zur Person: Günter Gaus". So müsste die Sendung heißen, die ich gern sehen würde, und wenn das Wünschen helfen würde, müsste er auch die Fragen mitformulieren. Dann, ganz sicher, würde man den Ursachen dafür besser auf die Spur kommen, weshalb er eine derart herausragende politische Figur in der Bundesrepublik geworden ist. Einer, der erklärte; der aber auf eine ganz eigene Weise erklärte, mit einer unverwechselbaren Grundmelodie, seit er 1958 beim Spiegel anfing, von 1959 an als dessen Chefredakteur, dann bei der Süddeutschen Zeitung als Kommentator, als Interviewer beim Südwestfunk, nach der Wende 1989 beim Freitag, als Buchautor nicht zu vergessen. So hat sich die Republik erstritten. Mit solchen Personen. Sie haben sie liberal gemacht.

Zu berichten ist also über eine Erfolgsgeschichte. Ein "reiches Leben" wollte er, Jahrgang 1929, denn auch seine Erinnerungen benennen. Nicht etwa die Bilanz eines Unzufriedenen, ganz im Gegenteil. In den Sinn kommt, wie Willy Brandt, der bewunderte Freund, in seinem Lebensrückblick immer wieder die Formel benutzt, er habe "Glück gehabt". Seit der Flucht vor Hitler, im Untergrund, "Vaterlandsverräter" – und immer Glück gehabt? Er, der sich in seine Melancholien fallen ließ? "Zur Person: Günter Gaus" müsste der Spur nachgehen, dass es da Parallelen gibt.

Kein anderer Autor von solcher glasklaren Intelligenz hat sich mit dem eigenen Land wohl derart kritisch pointiert befasst wie er. Mit der Intoleranz der Westdeutschen, der deutschen Konformität, der nachwirkenden Vergangenheit. Keiner sonst hat der Republik (West) derart vorgehalten, eine "ideologische Gesellschaft" zu sein. Keiner von diesem Format hätte es gewagt, im Jahr 1983 ein Buch (Wo Deutschland liegt) mit dem Satz zu beginnen: "Deutschlands Unglück hat sein volles Maß noch nicht erreicht"; weil nämlich, so Gaus, die "seelischen Verheerungen des Nationalsozialismus, in dem die Anomalien des politischen Verhaltens der Deutschen seit nun bald hundert Jahren gipfelten", keinesweg beendet wären. Und zugleich: Glück gehabt! Ein reiches Leben! Gnade der späten Geburt! Nicht nur fand er "Verständnis" für die Ostdeutschen, wie Christa Wolf sich in der taz an den Gaus erinnert, der 1973 als Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in der DDR seine Arbeit aufnahm, die zum Lebensthema wurde – sie haben, plaudert sie, auch "wahnsinnig viel gelacht", wahrscheinlich sogar, dass sie "beide ein bisschen in die Dinosaurierecke gehören", ohne Handy und ohne Computer, Gaus habe "so furchtbar gerne über Leute gelästert und ich ja auch".

Gaus nahm das ganze Land so ernst wie die Personen, die er kennen lernen wollte. Es wirkte oft unerbittlich. Aber seine Tochter, Bettina Gaus, Journalistin bei der taz, hat ihn als leibhaftigen Beweis dafür gesehen, dass sich auch in diesem Metier "hohe Professionalität und Barmherzigkeit bruchlos verbinden lassen", und das ist nicht übertrieben. Er schnitt nichts weg in seinen Filmen, aber er kannte Grenzen.

"Zur Person: Günter Gaus" müsste aber noch einer ganz anderen Spur nachgehen, die gleichfalls von etwas scheinbar Unvereinbarem handelt. Die Rede ist vom Bürger Gaus. Vermutlich hat er zeitlebens eine bestimmte Form der Bürgerlichkeit gesucht. In der vorherrschenden Mentalität im Westen, der alten Bundesrepublik, erkannte er kaum einen Rest davon, jedenfalls nicht bei der Mehrheit. Dafür ließ Gaus in der "Nischengesellschaft" der DDR erstaunlich viel von diesem Verlorenen wiedererstehen. Liebevoller als über diese "Kleinen", den fremden Alltag, hat man Gaus über niemanden sonst erzählen gehört.

Bei ihm hatte das eine eigentümliche Kontinuität. Schon im Jahr 1948 hatte der Primaner, ein Jahr vor dem Abitur, die "Geschichte eines Arbeitslosen" niedergeschrieben, auf die er bei der Arbeit an seinen Erinnerungen stieß. Das sensible Verständnis für den jungen Mann, dem gekündigt wurde und der bald "gar nicht mehr im Rennen liegen will", ist Gaus durch alle Stationen seines Lebens erhalten geblieben. Es war das Movens. Diese sozial Deklassierten, oder sagen wir: die Nichtanerkannten, entdeckte er nun vor allem im Osten. Und wie man sie anerkennt, das machte er denen im Westen vor, indem er sie beinahe adelte als die wahren deutschen Bürger. Auch die Erklärung, weshalb Gaus die Zäsur von 1989 nicht als Aufbruch in die Freiheit bejubelte, hatte vermutlich weniger mit DDR-Verklärung als mit seinen Prioritäten, dem heiligen Zorn und der Sehnsucht nach einer anständigen Bürgerlichkeit in Deutschland zu tun. Gäbe es sie, wäre auch die "nationale Identität" wiedergefunden, die er so sehr vermisste. Nein, er war nicht zufällig Freund von Brandt wie von Bahr.

Mein Bild von Gaus ist nicht das eines Stehengebliebenen, auf den immer weniger hören, während die Republik sich wer weiß wohin weiterdreht: Er hat vielmehr auf seinen Maßstäben insistiert. An keinen Fäden darf man sich ziehen lassen! Autonomie wird nicht geschenkt! Wie Rudolf Augstein oder Marion Gräfin Dönhoff zählte er damit zu jenen, die der Republik ihr Koordinatensystem vermittelten. Zum Glück. Noch am Tag seines Todes hat er sich darüber erregt, dass sie sich im Hörfunk über eine Verordnung über die Höhe von Frühstücksräumen für Arbeiter lustig machten. Ja, wissen die Schnösel denn nicht, warum das erfunden wurde und mit welchen Schikanen den "Kleinen" die Lust an der Pause vergällt werden sollte? Gaus wusste es.