Peschawar

Warum ist es eigentlich so schwierig, Osama bin Laden zu fassen? Der Mann ist 1,90 groß. Das Gesicht ist mehr als bekannt. Die Jäger kennen auch die Landschaft, in der er sich aller Wahrscheinlichkeit nach aufhält. Er lebt in dem weiten Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan, genauer: in Waziristan. Wenn man manchen Agentenberichten glauben will, ist bin Laden nicht sehr beweglich. Wegen seiner kaputten Nieren benötigt er eine Dialysemaschine. Die lässt sich nicht einfach so über unwirtliche Berge schleppen. Die hoch technisierten Spürhunde der USA müssten so jemanden doch finden. Sie haben ja auch Saddam Hussein geschnappt. Und doch, nichts. Keine Spur von Osama bin Laden.

Woran liegt es also? Die erste Antwort ist einfach. Osama bin Laden ist für die meisten Pakistanis kein Verbrecher. Natürlich, die regierenden Generäle sehen ihn als das, was er ist, eine Reihe von Politikern auch, aber manchmal kann man sich selbst bei ihnen nicht ganz sicher sein, zu zweideutig ist ihre Politik, zu undurchsichtig sind ihre Motive. Für die Mehrzahl der Menschen in Pakistan aber ist bin Laden eindeutig nicht kriminell, und nicht nur für die so genannten einfachen Leute.

Maulana Hafiz Akhtar Ali ist Minister in der Regierung der North Western Frontier Province (NWFP), der Gegend, in der sich Osama angeblich versteckt hält.

"Wenn Sie wüssten, wo er ist, würden Sie ihn ausliefern?"

Der Minister lehnt sich in seinen Sessel zurück, streicht sich seinen Bart glatt und sagt: "Ich würde erst jemanden informieren, wenn ich vorher folgende Fragen beantwortet bekäme: Wer hat Osama bin Laden aus Saudi-Arabien in die Berge Afghanistans gebracht? Wer hat ihn zum Mudschaheddin gemacht? Wer hat ihn dann über Nacht zum Terroristen erklärt? Und warum?"

Ein ideologischer Speckgürtel um bin Laden

Ein Ja oder Nein zur Verhaftung Osamas gibt es von Maulana Hafiz Akhtar nicht. Stattdessen lauter Gegenfragen, die ganz eindeutig eines sagen wollen: Die USA sind an allem schuld. Dort wohnen die Oberterroristen. US-Präsident George W. Bush ist für alles Schlechte verantwortlich, für die Folter in irakischen Gefängnissen und für die Schlaglöcher auf den Straßen Peschawars, der Hauptstadt der nordwestlichen Grenzprovinz NWFP. Über Hafiz Akhtar Alis Unterstellungen muss man sich freilich nicht wundern, er ist Minister der MMA, der Koalition der religiösen Parteien, die im Oktober 2002 in NWFP die Wahlen gewonnen haben und heute die Provinzregierung stellen. Hafiz Akhtar ist ein Schüler der Haqqania, einer jener pakistanischen Medresen, die eine ganze Reihe von Taliban-Führern hervorgebracht haben. Ein religiöser Hardliner, ohne Zweifel.