Für Paul Berman ist der radikale Islamismus eine neue Spielart des Totalitarismus und der Terror gegen westliche Gesellschaften die zwangsläufige Folge davon, dass diese über lange Zeit mit der neuen Bedrohung zu nachlässig umgegangen sind. Berman ist jedoch, wie man auf den ersten Blick vielleicht vermuten könnte, kein neokonservativer Berater der Bush-Regierung, sondern ein liberaler New Yorker Intellektueller, dem es um die Verteidigung der liberalen Demokratie und um sonst nichts geht. Dazu bemüht er die Analogie mit den politischen Konstellationen der 1930er Jahre in Europa, als die westlichen Demokratien vor einem entschlossenen Einschreiten gegen Faschismus und Nationalsozialismus zurückschreckten und damit erst den zeitweiligen Triumph Hitlers ermöglichten.

Die Analogie zwischen der totalitären Herausforderung der liberalen Demokratie und der islamistischen Ablehnung des westlichen Entwicklungsmodells bestimmt Bermans gesamte Argumentation: Von der Auseinandersetzung mit dem von Paul Faure geführten Flügel der französischen Sozialisten, der aus einer pazifistischen Grundüberzeugung heraus jedes entschiedene Vorgehen gegen das nationalsozialistische Deutschland verweigerte und schließlich im Dunstkreis des Vichy-Regimes mit den deutschen Besatzern kollaborierte, bis zu jenen europäischen Politikern, die sich, wenn sie mit der Wut der arabischen Welt auf den Westen konfrontiert sind, zunächst einmal fragen, ob der Westen nicht auch seinerseits zu dieser Wut beigetragen hat. Auch die französischen Sozialisten, kontert Berman, hätten versucht, Deutschland zu verstehen, indem sie seine ungerechte Behandlung herausstellten: den Versailler Frieden, den Verlust größerer Gebiete im Osten, die Repression der deutschstämmigen Bevölkerung in den neuen mitteleuropäischen Staaten … Und mit einem Mal seien sie vor lauter Verständnis politisch handlungsunfähig gewesen.

Das Denken in historischen Analogien ist attraktiv und hoch riskant zugleich: attraktiv, weil dies eine der wenigen Möglichkeiten ist, in der Unüberschaubarkeit der gegenwärtigen Situation eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie sich die Dinge weiterentwickeln werden und was dementsprechend das richtige Verhalten in dieser Situation ist. Historische Analogien sind die Krücken der Orientierung. Aber wenn sie falsch sind? Gerade weil sie uns so viel Gewissheit verschaffen, können sie auch die Ursache radikal falscher Entscheidungen sein. Die bis vor kurzem von amerikanischen Regierungsberatern immer wieder bemühte Analogie zwischen dem Kriegsende in Deutschland im Jahre 1945 und dem projektierten Kriegsende im Irak ist ein schlagendes Beispiel für eine falsche Analogisierung mit entsprechenden Folgen.

Bermans Buch ist vor allem dann interessant und aufschlussreich, wenn man es als Spurensucher liest: Was veranlasst erzliberale Köpfe dazu, einer umfassend interventionistischen Sicht zur weltweiten Durchsetzung der Demokratie das Wort zu reden? Dafür finden sich bei Berman zahlreiche Hinweise: eine gewisse Stilisierung der Präsidenten Abraham Lincoln und Franklin D. Roosevelt, der Verzicht auf jede Auseinandersetzung mit dem politischen Scheitern Woodrow Wilsons und eine abgründige Verachtung für die Politik der moralischen Doppelstandards, wie sie vor allem von Henry Kissinger praktiziert worden ist. Kurzum: Es ist die Hoffnung, dass die Außenpolitik von Demokratien etwas prinzipiell anderes sei als die so genannte Realpolitik. Wo dieser Wunsch übermächtig ist, verschließt sich der Blick für die politische Wirklichkeit und bleibt gebannt durch falsche Analogien.