Als der vertriebene jüdische Schriftsteller Hans Sahl Anfang der fünfziger Jahre zum ersten Mal zurückkam nach Deutschland, saß er bald verstummt in seiner ehemaligen Heimat. Denn keiner wollte wissen, wie er überlebt hatte. Sie fragten nicht ihn, sie sprachen von sich. Es war entsetzlich sagten sie, der Hunger, die Angst, die Bomben, die brennenden Städte, der Blockwart, die Nächte im Luftschutzkeller. Sprachen unaufhörlich nur vom eigenen Elend – und welcher Elende kann schuldig sein.

In späteren Jahrzehnten wurde dann zwar öffentlich und ausführlich über die deutsche Vergangenheit und die deutsche Schuld, über die Ausgrenzung und Ermordung der Juden diskutiert, geforscht und geschrieben, privat allerdings, in den Familien, redete man darüber nicht. Zu Hause sprach man, wenn überhaupt, von sich im Krieg. Von der Flucht, den Bomben, der Angst. Und darüber wurde nun wiederum öffentlich fast schamhaft geschwiegen.

Auch das, diese Diskrepanz zwischen öffentlicher und privater Erinnerung, hat die bundesrepublikanische Wirklichkeit geprägt. Niemals, schrieb Günter Grass in seinem Roman Krebsgang, hätte man über so viel Leid schweigen dürfen, „nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich“ gewesen sei.

Ein heikles Thema. Noch immer. Denn als Günter Grass und Jörg Friedrich ihre Bücher über Vertreibung und Bombenkrieg veröffentlichten, wurden sie Bestseller. Ein Tabu wurde wohl nicht gebrochen. Aber es brachen Wälle. Endlich einmal ist von uns die Rede, so der Tenor der deutschen Leser. Und häufig genug schwang die Genugtuung mit: Endlich einmal geht es nicht um die Juden, immer mussten wir schweigen wegen der Juden.

Es geht nicht um einen neuen deutschen Opferkult

Nun also brechen Kriegskinder ihr Schweigen, so jedenfalls heißt es im Untertitel des Buches der Journalistin Sabine Bode: Die vergessene Generation. Und sogleich stellt sich die Frage, ob auch hier der neuen deutschen Lust am Opfersein gefrönt werden soll. Die Skepsis ist nicht berechtigt. Denn der Autorin geht es nicht um moralische Aufrechnung und schon gar nicht um einen neuen Opferkult. Ihr geht es darum, etwas auch benennen zu dürfen, was bisher zu wenig benannt wurde: die Traumata der Kriegskinder. Und sie will sich ihre Hinwendung und ihr Mitgefühl nicht nehmen lassen von politischen Bedenken. Zudem: Kinder waren keine Täter.

Die ehemaligen Kriegskinder, so die These der Autorin, seien „im eigenen Land fast sechzig Jahre lang schlichtweg übersehen worden. Ihr Schicksal interessierte nicht. Es wurde nicht erforscht.“ Und als sie zu forschen, zu fragen begann, wehrten die Befragten ab. Sie war auf ein „zähes“ Thema gestoßen, weil jene, die als Kinder den Krieg erlebt und erlitten hatten, nicht reden wollten, nicht reden konnten über ihre Erfahrungen. Viele wussten nicht einmal mehr, wie sehr sie geprägt waren durch Bombennächte und Angst, hatten gründlich verdrängt, was sie beschwerte. „Wenn sie später als Erwachsene psychische Probleme bekamen, fielen ihnen alle möglichen Ursachen ein – aber nicht ihre Kriegskindheit.“