psychologie Der Seelenorganisator
Der Trauma-Experte Peter Riedesser erforscht Störungen der kindlichen Psyche und gründet Hilfsprojekte für minderjährige Kriegsopfer
Die Couch hat ausgedient. Als Peter Riedesser 1991 von Freiburg nach Hamburg wechselte, hat er das klassische Requisit der Psychoanalyse zu einem normalen Möbelstück degradiert. Denn im Universitätskrankenhaus Eppendorf behandelt er seither vor allem Kinder, und „die gehören nicht auf die Couch“. Für sie hat der Mediziner und Psychoanalytiker andere Requisiten in petto. Von der Zimmerdecke baumeln prachtvolle Marionetten, auf dem Schreibtisch steht ein exotischer Käfig mit einem künstlichen bunten Vogel – „nur zum Anschauen“ –, die Regale quellen über von Spielzeug: Puppen, Plüschtiere, Malfarben, Stifte, Krimskrams „zum Anfassen und Spielen“. Gespielt wird in Riedessers Büro an einem kleinen, zerschrammten Tisch, der noch aus seinem eigenen Kinderzimmer stammt.
Seine Sorge um die unsichtbaren Verletzungen, die Kinder bei Kriegen, Unfällen, Katastrophen oder Gewalterfahrungen davontragen, haben den Chefarzt zum weltweit agierenden Anwalt seelisch kranker Kinder und Jugendlicher gemacht. Derzeit ist er in so vielen – zum Teil selbst gegründeten – Projekten engagiert, dass man leicht den Überblick verliert. Es „entängstige“ ihn, mit anderen die Zukunft besser zu gestalten, sagt Peter Riedesser dazu lapidar.
Dabei waren Traumata, besonders die von Kindern, lange Zeit ein unbeackertes Feld der Psychologie; „professionelle Traumablindheit“ habe da geherrscht, sagt Riedesser. Heute weiß man, dass Kinder auf traumatische Erlebnisse stärker als Erwachsene reagieren. Manche wollen Selbstmord begehen, andere neigen dazu, sich zu verletzen. Viele leiden unter Depressionen, Schlaflosigkeit, Aggressivität oder Überängstlichkeit. Einige durchleben die schrecklichen Ereignisse in Gedanken immer wieder. Andere haben sie vollkommen „vergessen“, ins Unbewusste versenkt.
Wie hilft Riedesser diesen Kindern? Als Einstieg bietet sich zum Beispiel das Schnörkelspiel an. Therapeut und Patient zeichnen abwechselnd mit Bleistift einen beliebigen „Schnörkel“ auf ein Blatt Papier, ohne hinzusehen. Daraus muss jeweils der andere etwas Sinnvolles gestalten. Das kann eine ganze Weile hin und her gehen, man kommt ins Gespräch. „Das ist ja eine Maus, die sich duckt. Fühlst du dich manchmal auch so ängstlich?“
Das Erlebte wird zum Spiel
Was so spielerisch daherkommt, sei therapeutische Schwerarbeit, sagt Peter Riedesser. Ein Trauma sei eine seelische Wunde, die nicht von alleine heilen wolle, ihre Behandlung hochgefährlich. Denn ein Zuviel an Erinnerung kann zu einem Rückfall, zu einer Retraumatisierung, führen. Der Therapeut muss das Kind also in die Lage versetzen, „sich der Erinnerung an das Erlebte in individuell erträglicher Dosierung zu stellen“. Und dabei sei es oft schon ein großer Fortschritt, „wenn aus dem schrecklichen Erlebnis ein schreckliches Spiel geworden ist“, zitiert Riedesser die Kinder- und Jugendtherapeutin Annette Streeck-Fischer.
Warum die Therapie so ein heikles Unterfangen ist, versucht der Psychiater an einem Bild klar zu machen: Stelle man sich die Ereignisse im Leben eines Menschen vor wie auf einem Fluss dahintreibende Baumstämme, so gleiche ein Trauma einem Stamm, der sich in einer Flussbiegung quer legt. Dieser führt zum Stau, immer mehr Stämme blockieren den Fluss. Und für den Flößer, also den Therapeuten, werde es umso schwieriger, die Blockade zu lösen, je mehr sich angestaut hat.
Wie kann der Mann, der so anschaulich die Abgründe der traumatisierten Kinderpsyche erklärt, nur derart heiter und gelassen wirken? „Zum Glück wurde ich als Kind nicht traumatisiert, sondern nur etwas neurotisiert, hauptsächlich durch die katholische Kirche.“ Geboren 1945 in Waldburg am Bodensee, geriet er in jungen Jahren an einen Pfarrer, der ihn unbedingt zum Geistlichen machen wollte. „Aber das hat nicht funktioniert.“ Zum einen war Riedesser damals frisch verliebt, zum anderen las er gerade Schopenhauer und Nietzsche und wandelte sich über dieser Lektüre zum Atheisten.
- Datum 19.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2004 Nr.22
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