Berlin

Die SPD ist in der Krise. Aber nicht nur das. Sie ist auch dabei, sich zu entspannen. Ganz freundlich geht es zu, zwischen unten und oben, auch zwischen jung und alt. Aufstände wie noch im Januar sind nicht zu erwarten. "Es ist mir eine besondere Freude und Ehre, unseren Parteivorsitzenden Franz Müntefering ankündigen zu dürfen", erklärt Juso-Chef Annen auf der Veranstaltung zum 100-jährigen Jubiläum der Parteijugend. Ehre! So artig waren die Jusos nicht immer. Auch sie gehörten zu den Kritikern von Gerhard Schröders Agenda. Aber nun steht ja sein Nachfolger im SPD-Vorsitz auf dem Podium und ist – wie überall, wo er in diesen Wochen auf seine Genossen trifft – Star der Veranstaltung. Und so überbringt Franz Müntefering der Parteijugend zum Hundertsten die Glückwünsche der ganzen, großen SPD: "630000 rote Schwestern und Brüder gratulieren euch."

Die Formel, die an einen weltlichen Orden erinnert, fällt öfter dieser Tage. Es wäre falsch, sie für Ironie zu halten. Ein Anflug davon mag mitschwingen, wie so oft, wenn der Vorsitzende die Kluft zwischen großer Tradition und trister Realität kurzerhand überbrückt. Aber im Kern ist es doch ganz ernst gemeint. Die "630000 roten Schwestern und Brüder" sollen sich ihrer Bedeutung wieder bewusst werden, ihrer Genossenschaft und ihrer Mission als Partei des Fortschritts. Und der, zieht Müntefering den Bogen von Lassalle ins 21. Jahrhundert, muss eben "immer wieder neu erkämpft werden".

Aber nach Kämpfen ist der wundreformierten SPD derzeit nicht zumute. Darum haben Müntefering und seine engsten Verbündeten eine Art Rehabilitationsprogramm entwickelt. Zusammen mit Bundesgeschäftsführer Karl Josef (Kajo) Wasserhövel, Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter und Parteisprecher Lars Kühn hat er sich vorgenommen, die Partei wieder aufzurichten. "Stolz" ist ein Schlüsselwort in seinen Ansprachen. "Das Kreuz wieder durchdrücken", empfiehlt er den Genossen. Und "nicht auf die Schuhspitzen gucken", wenn nach der politischen Heimat gefragt wird – das sind kleine Übungen auf dem Weg zu neuem Selbstbewusstsein.

Was ist passiert mit der SPD, dass sie sich heute so elend fühlt, dass ihre Führung an eine therapeutische Veranstaltung erinnert? Kurz gefasst lautet die Analyse der Parteispitze etwa so: Unter Lafontaine wurde die SPD verwöhnt und verzogen, unter Schröder wurde sie schlecht behandelt und von Olaf Scholz systematisch in die Irre geleitet. Dramatische Wahlniederlagen und die Aussicht auf weitere Debakel tun ihr Übriges. Die SPD ähnelt einer Ansammlung von Traumatisierten. Nun also kommen die Pferdeflüsterer, um sie zu kurieren.

Zuerst muss sich die Partei von ihrer Führung wieder ernst genommen fühlen, lautet eine der neuen Maximen. Was die oben planen, soll unten gewusst und verstanden werden. Dafür fahren der Vorsitzende und sein Generalsekretär durchs Land, wird von der Parteizentrale wieder kontinuierlich Telefonkontakt in die Landes- und Bezirksorganisationen hergestellt, um die Perspektiven der Führung zu vermitteln: Lass uns reden, Genosse, wir sind da, alles wird gut.

"Schritt für Schritt für Schritt", lautet eine Formel, mit der Kajo Wasserhövel dem Genesungsprozess Struktur verleihen will. Die Hände markieren dabei die Teilabschnitte. Ganz langsam, ganz überlegt, ganz planmäßig soll die Partei sich mit sich selbst und ihrer Politik anfreunden. Nach dem Agenda-Jahr der Zumutungen und der Desorientierung soll sie nun einen idealtypischen Prozess des Politischen erleben und erlernen. Das ist nicht einfach, wenn parallel dazu doch wieder die Regierung wie eine randalierende Strassengang ins Partei-Sanatorium einbricht. Und wenn die Umfragen weiter im historischen Tief verharren.

Aber auch das gehört zur Stärke der Führungsriege: Ihre Frustrationstoleranz ist enorm, Entmutigung steht nicht auf dem Programm. Wann immer man Benneter, Wasserhövel oder Kühn mit dräuendem Unheil konfrontiert, sie bleiben ungerührt. Die ausbleibenden Effekte der Agenda, das Durcheinander beim Regieren, die drohende Europawahl oder der mögliche Verlust des Stammlandes Nordrhein-Westfalen – nichts beunruhigt offenbar. Es bleibt das Therapeutenlächeln.