Der Chef lenkt seinen Wagen selbst. Langsam fährt der schwarze Dienst-BMW vor, aus dem nur einen Spalt breit geöffneten Fenster dringt Klaviermusik. Frank-Jürgen Weise grüßt durch die gepanzerte Scheibe, er trägt einen hellbraunen Pullover, die Haare sind wie immer glatt zurückgegelt. Er sitzt nicht oft, aber gern am Steuer. Und vor allem fährt er gern schnell. Als Teenager sei er ein ziemlicher Hitzkopf gewesen, erzählt er später. Wenn überhaupt, schlage das heute gelegentlich beim Autofahren durch.

Man braucht Fantasie, um sich das vorzustellen. Der frühere Bundeswehr-Offizier Frank-Jürgen Weise ist nämlich ein zurückhaltender, höflicher und sehr kontrollierter Mensch. Vor gut hundert Tagen rückte er an die Spitze der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit auf, und seither ist er vor allem durch das aufgefallen, was er nicht getan hat: keine Talkshow-Auftritte. Keine guten Ratschläge zur Arbeitsmarktpolitik. Und wenn Journalisten über ihn schreiben wollen, möchte er nur über die Arbeit sprechen.

Einmal sorgte er doch für Schlagzeilen, als er öffentlich Zweifel am Zeitplan der Bundesregierung für die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe ("Hartz IV") äußerte. Aber schon einen Tag später ruderte er zurück. Einige Abgeordnete und auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement murrten, allerdings nicht lange. Man sieht dem Neuen in Nürnberg momentan vieles nach. Bei seinem Start wurde er noch als "Übergangs-Weise" verspottet, für viele war er zweite Wahl.

Irgendwie hat Weise es seitdem geschafft, die meisten zuständigen Abgeordneten und auch Clement für sich einzunehmen. Am einfachsten wäre das noch durch Mitleid zu erklären, denn langsam dürfte dem Letzten in Berlin klar sein, wie schwierig die Nürnberger Sanierungsaufgabe ist. Einigen mag auch imponieren, dass Weise seit dem Verkauf der von ihm mitbegründeten Logistik-Firma Microlog finanziell unabhängig ist, den Job also nicht des Geldes wegen macht. Idealisten werden manchmal sogar in Berlin geschont. Hinzu kommt, dass Weises CDU-Parteibuch die Zahl der Gegner minimiert: Die Union hat Beißhemmungen, und die Regierung muss sich ohnehin hinter ihren Behördenleiter stellen – sie hat ihn berufen, jetzt gilt das Prinzip der Loyalität.

Jedenfalls reden viele erleichtert über seine zurückhaltende Art. Bevor Weise seinen Vorgänger und langjährigen Freund Florian Gerster ablöste, war er gern die Nummer zwei. Und bis heute hat er das Naturell des stillen, effizienten Machers. Wenn er mit seinem Stellvertreter Heinrich Alt bei der monatlichen Arbeitsmarkt-Pressekonferenz vor die Kameras tritt, überlässt er dem Vize immer noch die politischen Fragen. Und als er mit Wirtschaftsminister Wolfgang Clement Anfang des Monats in Kaiserslautern für neue Lehrstellen warb, war von der ersten Sekunde an die Rollenverteilung klar. Clement war der Magnet für Kameras und Mikrofone, Weise gab den Mann der Wirtschaft, der ein erfolgreiches Unternehmen mitgegründet hat. "Ich weiß genau, was es bedeutet, Lehrlinge einzustellen", rief er ins Publikum.

Wenn er wollte, könnte er der Regierung sehr schaden

So offensiv unpolitisch gab sich ein Repräsentant einer Regierungsbehörde vermutlich noch nie – und das ausgerechnet in einer Zeit, in der Weises Job hoch politisch ist. "Die Bundesagentur kann sich nicht selber Ziele setzen, sie kann nur vorgegebene politische Ziele effizient erledigen", erklärte er demutsvoll vor dem Bundestagsausschuss für Wirtschaft und Arbeit. Bei einer Tagung der Arbeitgeber erklärt er bescheiden, sein Ziel sei es, "die Bundesagentur für die Politik transparent und steuerbar" zu machen. Schon beim Amtsantritt verkündete er: "Ich war in diesem Haus nie in einer politischen Rolle. Das ist ein großer Vorteil." Möglicherweise glaubt er das sogar selbst.

Richtig ist es natürlich trotzdem nicht, denn jeder Chef der Bundesagentur für Arbeit macht zwangsläufig Politik. Weise leitet eine Behörde, die nicht nur für 90000 Mitarbeiter und 4,6 Millionen Arbeitslose Verantwortung trägt, sondern an deren Umbau auch die Zukunft der Bundesregierung hängt. Mit einem Fernsehauftritt kann Weise, wenn er will, die Schröder-Riege dem Abgrund ein gutes Stück näher bringen. Wenn etwa die Auszahlung vom Arbeitslosengeld II nicht funktioniert, steht nicht nur der Nürnberger Vorstand, sondern auch die Regierung als Chaostruppe da.