Eine Frau, eine Frau! Ach nein, für das höchste Amt im Staat hat sich Gesine Schwan nicht als Frau qualifiziert. Wäre sie keine, hätte die SPD sie zwar nicht ins Rennen geschickt. Aber Gesine Schwans Eignung für das Amt lässt sich durch das Quotengerede, wie viel Frau die Republik nötig hat, wünscht oder verträgt, nicht überdecken. Wer diese Kandidatin wählt, muss deswegen noch lange nicht jede weibliche Präsidentin befürworten. Frau allein: kein Argument. Weiblichkeit ist keine Qualifikation, sondern ein Geschlecht, das Erfahrung, Verhalten und Wahrnehmung je nach den kulturellen Umständen unterschiedlich prägt. Nicht mehr und nicht weniger.

Es zeichnet aber die politische Kultur der Bundesrepublik aus, dass man das weibliche Geschlecht mit Vorliebe erst dann in Betracht zieht, wenn vermeintlich aussichtslose Kandidaturen zu vergeben sind. Doch die Kandidatur von Gesine Schwan ist nicht aussichtslos. Sie kann, sie will siegen. Und die Wahl von Gesine Schwan zur Bundespräsidentin am Verfassungstag, dem 23. Mai, würde der Republik gut bekommen.

Denn es könnte, das wäre Punkt eins, ein Aufatmen durch dieses Land gehen, das seine demokratische Verfassung im Geschiebe der Parteien und Lobbys fast aus den Augen verliert. Erinnern wir uns: Das Ergebnis einer Wahl, auch der indirekten zum Staatsoberhaupt, steht nicht von vornherein fest. Die Parteien tragen zur politischen Willensbildung bei. Sie sind aber vom Grundgesetz nicht beauftragt, im Hinterzimmer die Kandidaten für das höchste Amt nach Kriterien des Machtkalküls auszukungeln. Die Bundesversammlung, die das Staatsoberhaupt wählt, könnte ihre Unabhängigkeit unter Beweis stellen, indem jede und jeder Einzelne die Parteiloyaliät hintan stellt und freien Gewissens wählt. Das wäre schon viel.

Der politischen Kultur würde es gut tun, Punkt zwei, wenn die Republik von einer Präsidentin repräsentiert würde, die von Bildung und Wissenschaft, zwei Krisenregionen der Republik, viel versteht. Sie verkörpert zugleich die Überzeugung, dass Politik nicht durch Expertise ersetzt werden kann. Sachverstand allein ist noch keine hinreichende Qualifikation für das höchste Amt.

Viel wichtiger ist, dass Gesine Schwan sich in der Nachbarschaft und in der Welt als eine Vermittlerin zu bewegen versteht, der die Artenvielfalt der sozialen Schichten vertraut ist. Sie kennt die vom Zerfall bedrohte deutsche Gesellschaft als professionelle Interpretin; auch als Berlinerin, die an der Oder eine europäische Bildungsinstitution leitet, ist sie sowohl der Armut begegnet als auch den Menschen, die ihr durch Bildung entkommen.

Vor allem aber zeichnet sich diese Frau durch eine Persönlichkeit aus, die sie in einem tief verunsicherten Land für das höchste Amt qualifiziert: Sie verkörpert analytische Klarheit, politische Leidenschaft und ein unabhängiges Urteilsvermögen. Sie strahlt eine angstlose Heiterkeit aus. Diese Frau lacht gern. Sie kennt Ironie. Sie kann Menschen gewinnen.

Vertrauen will sie herstellen, und das nimmt man ihr ab. Keine professionelle Maske hat sie im Fernsehen zur Schau gestellt, sondern hat sich als eine für die öffentliche Rolle begabte Frau gezeigt, die auf eigenes Risiko argumentiert. Anders als Horst Köhler, der so tat, als wäre er schon gewählt, hat sie öffentlich, und das steht der Demokratie gut zu Gesicht, für sich geworben. Sie hat sich dem Volk bekannt gemacht.

Muss man außerdem öffentlich wiederholen, dass Gesine Schwan einen Mann zum Gefährten hat, Peter Eigen, der als Weltbank-erfahrener Jurist und Gründer der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International für die deutsche Öffentlichkeit als anregend kluger Präsidentinnengatte auftreten kann?