sudan „Bitte lassen Sie uns nicht allein!“Seite 7/7

Der sudanesische Botschafter im Tschad ist mit dieser Sichtweise nicht einverstanden. Hassan Bechir Abdulwahab trägt ein weißes Gewand mit Turban und empfängt den Besucher mit orientalischer Höflichkeit. Er war vor Öffnung des Eisernen Vorhangs in Prag stationiert und fuhr von dort nach Weiden in die Oberpfalz zum Einkaufen. Bechir liebt Deutschland und ging als zahlungskräftiger Kunde bei Mercedes in Sindelfingen ein und aus. „Europa versteht uns besser als Amerika“, sagt er und schiebt eine Silberschale mit Datteln herüber. „Ihr trinkt Tee mit uns und hört zu, was wir zu sagen haben. Die Amerikaner sind daran nicht interessiert. Sie wollen uns ihren Willen aufzwingen durch Diktat, anstatt einen Dialog zu führen.“

Bechir winkt einem folkloristisch gekleideten Diener, der süßen Pfefferminztee einschenkt. Der Botschafter lehnt sich zurück und erklärt, die Regierung in Khartoum wolle freundschaftliche Beziehungen zu den USA. Sie sei Washington in jeder Hinsicht entgegengekommen: Durch die Auslieferung des Terroristen Carlos und durch frühzeitige Hinweise auf Osama bin Laden, dessen Firma im Sudan Straßen gebaut habe. Anstatt die Hinweise ernst zu nehmen, hätte das Pentagon als Vergeltung für den Bombenanschlag von Nairobi eine Medikamentenfabrik in Khartoum zerstört und die zugesagte Wiedergutmachung nie bezahlt. Dabei habe die sudanesische Regierung mit Terroristen nichts im Sinn – im Gegenteil. Den fundamentalistischen Heißsporn Turabi habe sie politisch kaltgestellt. Der Botschafter sagt, dass er ihn persönlich kenne: Achmed Turabi sei ein anerkannter Experte für islamisches Recht, aber statt sich auf Gelehrsamkeit zu beschränken, predige er Hass und habe sich durch seinen Fanatismus selbst ins Gefängnis gebracht. Der Mann sei verrückt!

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„Und was sagen Sie zu den Menschenrechtsverletzungen im Westsudan?“

Bechir beugt sich vor und zündet sich eine Zigarette an. „In Darfur lebten zahlreiche Ethnien friedlich nebeneinander: Zaghawa, Fur, Massalit und andere. Letztes Jahr zettelten die Zaghawas einen Aufstand gegen die Zentralregierung an, unterstützt durch Waffen und Soldaten aus dem Tschad. Dessen Staatschef Déby ist unser Freund, denn er kam mit sudanesischer Hilfe an die Macht. Aber die tschadische Armee wird von Zaghawas dominiert, die in Darfur einen separaten Staat errichten wollen. Sie glaubten, der Moment zum Losschlagen sei gekommen, als unsere Regierung, als Zeichen ihres guten Willens, Waffenstillstand schloss mit den Rebellen im Südsudan. Um den Friedens prozess zu stören, griffen die Zaghawas Polizei- und Militärposten an.“ Die sudanesische Regierung sei verpflichtet, die nationale Souveränität zu verteidigen, und die Armee habe den Aufstand niedergeschlagen. „Falls es dabei zu Menschenrechtsverletzungen kam, bedauern wir dies und haben unsere Bereitschaft erklärt, UN-Beobachter und Hilfsorganisationen nach Darfur einreisen zu lassen. Trotzdem wird Sudan als Schurkenstaat verteufelt und in den Medien an den Pranger gestellt!“

Große Politik ist nicht das Anliegen von Père Georges, einem Jesuitenpater, der seit 36 Jahren im Tschad lebt und arbeitet. Er trägt ausgelatschte Sandalen, Malaria oder Hepatitis hat seine Haut gelb gefärbt. 1984 bis 1986 hat er eine katastrophale Dürre miterlebt, in der die Bauern Haus und Hof verließen und ihre Kinder im Busch aussetzten, weil sie weder Wasser noch Nahrung fanden. Zehn Jahre zuvor hatte ein Bürgerkrieg zwischen Nord und Süd das Land in feindliche Lager geteilt; wer die unsichtbare Front überschritt, wurde verdächtigt, ein Kollaborateur oder Verräter zu sein.

„Stammesfehden haben hierzulande Tradition, denn alle ethnischen Gruppen haben alte Rechnungen miteinander zu begleichen“, sagt der Pater, der uns in N’djamena, im Büro des Erzbischofs, unter einem Papst-Poster gegenübersitzt. „Nicht nur Polizei und Armee, auch die Nachbarstaaten Sudan und Libyen mischen in undurchsichtiger Weise mit. Es geht um die Verteilung immer knapper werdender Ressourcen, und für Nomaden ist Viehdiebstahl kein Verbrechen, sondern eine Frage der Ehre. Die Zaghawas sind ein altes Kriegervolk. Bevor sie in Darfur rebellierten, haben Zaghawa-Söldner in der Zentralafrikanischen Republik einen dem Tschad genehmen Putschoffizier namens Bozizé an die Macht gebracht. In letzter Zeit aber nehmen die Verteilungskämpfe immer bestialischere Formen an, und was derzeit an der sudanesischen Grenze passiert, sprengt den Rahmen der üblichen Banditentätigkeit und ist offener Krieg. Passen Sie auf sich auf!“

Vor der Reise zu den Flüchtlingscamps hatte uns der Botschafter eines mit der Bundesrepublik befreundeten Landes in N’djamena ins Gebet genommen. Er hielt einen druckreifen Vortrag über die geopolitische Bedeutung des Sudans als größtem Flächenstaat Afrikas, am Kreuzungspunkt von Anglophonie und Frankophonie, arabischen Ölstaaten und fundamentalistischem Islam. Da es sich angeblich um Christen handele, unterstützten die USA John Garangs Rebellenarmee, die Demokratie nur für Nordsudan fordere, im Süden aber diktatorisch regiere. In Wahrheit gehe es um Ölvorkommen und Bodenschätze, die nicht bloß im Südsudan, sondern auch in Darfur vermutet würden: deshalb die von Washington angestrebte Internationalisierung des Konflikts mit dem Fernziel der Aufteilung des Sudans. Eine perfekte Verschwörungstheorie, die nur einen Schönheitsfehler hat: Die ethnische Vertreibung aus Darfur ist keine Erfindung von CNN. Es gibt sie wirklich.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2004 Nr.22
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  • Schlagworte Sudan | Tschad | Südsudan | Darfur | Ruanda | Afrika
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