Berlin

Huckepack wäre auch eine Alternative. Aus Paris stammte diese Idee. Einen deutschen Stellvertreter ihres Repräsentanten im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen hätten die Franzosen sich durchaus vorstellen können: ein französischdeutsches Paar als kleines Symbol für den engen politischen Schulterschluss, zu dem es im Laufe des Irak-Konfliktes zwischen den Nachbarn beiderseits des Rheins tatsächlich gekommen ist.

Die dicke Freundschaft in Ehren - aber auf diese Offerte aus Paris wollten die Berliner denn doch nicht eingehen. Zumindest über das Verhältnis zwischen Paris und Berlin verrät die Huckepack-Idee eine Menge. Anfangs, im Irak-Konflikt, erneuerte sich die einstige europäische Kern-Gemeinschaft als Notbündnis. Hinzu kam der Erweiterungsbeschluss der EU von Nizza. Der Irak-Krieg und das Europa der 25: Diese Koinzidenz beförderte in Berlin wie in Paris die Einsicht, dass ohne einen politischen "Kern" das neue Europa künftig nicht mehr zusammenzuhalten sein werde. Ohne dass darüber laut gesprochen wird in Berlin: Zunehmend verdichtete sich der Eindruck, ein politisches Vakuum ausfüllen zu müssen. Denn die "Führungsrolle" Washingtons, die der deutsche Außenminister für "unverzichtbar" erklärt, ist ja offensichtlich unterwegs abhanden gekommen.

Noch vor den Berichten über den Umgang der "Sieger" mit Häftlingen im Irak galt: Die Nein-Sager, voran Gerhard Schröder und Jacques Chirac, kamen ohne große eigene Anstrengung aus der Defensive heraus. Erst recht gilt das nach Bekanntwerden der Folterungen und Verhörmethoden. Die Reaktion hinter den Kulissen: Schock und Entsetzen, wegen der Sache und wegen der Folgen, viel zu tief, um Häme zu erlauben. So sehr Recht, heißt es, "wollten wir mit unserer Skepsis und den Warnungen gar nicht bekommen".

In all der neuen Unordnung zwischen den transatlantischen Partnern und in Europa, das sich inzwischen beinahe geschlossen aus dem Irak heraushalten möchte, erweist sich das Bündnis Paris-Berlin geradezu als ruhender Pol. Mit der Wahl des Kriegsgegners Zapatero zum neuen spanischen Ministerpräsidenten fing das an: Hatte das Duo nicht Recht? So pflanzt es sich beinahe täglich fort.

Nur zu gern schlüpften die Deutschen in die Rolle des counterweight zum counterweight, des Gegengewichts zum Gegengewicht, womit kürzlich Richard Bernstein in der New York Times diesen neuen Balanceakt im Großen und Ganzen zutreffend beschrieb. Das ändert nichts am Prinzip, ganz im Gegenteil: Beim jüngsten Treffen in Paris beschrieben Chirac und Schröder es mit den Worten, sie wollten die "gemeinsame Verantwortung" für das neue Europa wie den "Augapfel" hüten. Dieses Gelöbnis, schon allein von der Entwicklung des Iraks, aber auch in Europa ständig neu unterfüttert, wird inzwischen zum deutsch-französischen Refrain.

Eine offensive Strategie der Regierung leitet sich daraus freilich noch nicht ab. In dauerhafte Erklärungsnöte, wie sie denn nun zum Irak-Krieg stehe, hat sich allerdings die Opposition manövriert. Sie habe "Nachholbedarf", um über ihre eigene Haltung zu reden, räumte Saarlands Ministerpräsident Peter Müller erst kürzlich ein. Das ist milde gesagt. Edmund Stoiber behilft sich im Spiegel mit ein paar verdrucksten Floskeln. Die Lage ist, wie sie ist.