Die Inflation ist nicht tot – das ist die gute Nachricht. Sie lebt und steigt sogar. Nach den jüngsten Daten aus den USA scheint die größte Gefahr der vergangenen Jahre für die Weltwirtschaft zunächst ausgestanden zu sein. Eine ausgewachsene Deflation, also ein dauerhaft fallendes Preisniveau, wird es nicht geben. Damit endet aber auch die Zeit der extrem niedrigen Zinsen in Amerika – das ist die schlechte Nachricht für alle Anleger. Die Zinswende ist da.

Zunächst die Folgen für die Volkswirtschaft: Die US-Notenbank hat vor knapp zwei Jahren der Deflation den Kampf angesagt. Dabei vergaßen deren Chef Alan Greenspan und seine Kollegen zeitweise, dass sie dafür bezahlt werden, die Inflation niedrig zu halten. Dass sie das Risiko überschießender Preise in Kauf nahmen, resultierte aus einer sorgfältigen Analyse der japanischen Krankheit. In Japan ist die Wirtschaft seit dem großen Crash am Aktien- und Immobilienmarkt Anfang der neunziger Jahre in Stagnation und Deflation gefangen. Notenbank und Regierung reagierten dort zu langsam, Zinssenkungen und höhere Staatsausgaben kamen zu spät, um die Konjunktur zu stabilisieren. Deshalb lautete die Strategie von Greenspan: schnell und radikal. Er akzeptierte die steigenden Staatsausgaben der Regierung Bush und unterstützte jeden noch so kleinen Aufschwung. Bei einem Blick auf eine Grafik, die das nominale US-Wachstum und den Satz für Tagesgeld abbildet, wird die in den vergangenen zwei Jahren betriebene expansive Geldpolitik deutlich. Während die Wirtschaft immer stärker wuchs, schleuste Greenspan den kurzen Zins immer weiter nach unten.

Spätestens seit zwei Monaten funktioniert die US-Wirtschaft wieder wie aus dem Lehrbuch: Das hohe Wachstum führt zu mehr Jobs, und die hohe Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen hat den Anbietern die Möglichkeit gegeben, höhere Preise zu verlangen, wie die Investmentbank Goldman Sachs analysiert. Die Kapazitätsauslastung steigt und nimmt Druck von den Preisen, die im April um 2,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr stiegen. Händler und Analysten erwarten infolgedessen die erste Zinserhöhung der Notenbank seit vier Jahren bereits im Juni, spätestens aber im August. Wie viele werden folgen? Wachstum und Leitzinsen, beide Kurven werden sich wieder annähern müssen – und zwar von oben und unten. Das Wachstum wird schwächer ausfallen und der Notenbankzins höher liegen.

Wenn die Weltleitwährung die Zinsen erhöht, bekommen das Anleger und Unternehmer weltweit zu spüren. Dem fast risikolosen Spiel, Geld in Dollar billig zu leihen und überall auf der Welt riskanter anzulegen, geht die Luft aus. So kam es in den vergangenen Wochen an den Anleihemärkten schon zu Kursverlusten, die umso stärker ausfielen, je riskanter die Währung war.

Zeitenwenden an den Finanzmärkten sind nichts für schwache Nerven. Die US-Investmentbank Morgan Stanley warnte erst kürzlich ihre Kunden davor, dass die beste aller Welten der Vergangenheit angehöre. Heute steigen die Notenbankzinsen, und die Wachstumserwartungen sinken genauso wie die Lust, Risiken einzugehen. Schlecht für hochbewertete Aktien beispielsweise aus dem Technologiesektor, noch schlechter für Aktien aus Emerging Markets wie China, schlecht auch für Rohstoffe, generell schlecht für Anleihen. Und die Investmentbank JP Morgan hat ausgerechnet, dass während der vergangenen acht Zinserhöhungszyklen der US-Notenbank Aktien im Durchschnitt besser abgeschnitten haben als Anleihen. Doch das beruhigt kaum. Denn zwischen Sparbuch und Aktie gebe es keinen klaren Sieger. Magere Zeiten brechen an – für Anleger.