Musikgeschmack ist kein Geheimnis. Die auffälligste Beobachtung, die sich beim Eurovision Song Contest machen ließ, war die gegenseitige Bevorzugung benachbarter Nationen. Schweden und Dänemark, Irland und England, Belgien und die Niederlande, sie alle haben sich wechselseitig zwar nicht die Höchstpunkte, aber doch deutliche Anerkennung gegeben. Selbst die Türkei und Griechenland, selbst Polen und Russland, die Grund zu nachgetragenem Groll hätten, haben sich Respekt, wenn nicht Sympathie bewiesen. Das einzige Land, das von Nachbarn nichts zu erwarten hat, ist Deutschland. Seine Lage während der Abstimmung erinnerte an den Vers des Satirikers: "Alle Tiere lieben sich/Nur das Opossum Diederich/Finden alle widerlich." Selbst Dänemark brachte den Mut auf, den deutschen Beitrag unerheblich zu finden, obwohl, wie der Moderator sarkastisch bemerkte, man doch gedacht hätte, mit dem depressiven Lied von Max die dänische Befindlichkeit zu treffen. Deutschland braucht, damit es geschätzt wird, offenbar immer mindestens ein Land zwischen sich und der sympathisierenden Nation. Frankreich ist der Puffer, der die Neigung der Spanier ermöglicht, und die Liebe der Türken hat gewiss nicht nur mit den Gastarbeitern zu tun, sondern auch mit dem halben Dutzend Balkanstaaten, die uns von den Enkeln der Osmanen trennen, die übrigens schon früher zu uns gehalten haben. Die Abstimmung zeigte auch uralte Gemeinsamkeiten - zumal in der Welt der Orthodoxie, die von Russland bis Griechenland Solidarität stiftet. Der Sieg der Ukraine war auch ein Sieg der Ostkirche und sollte allen zu denken geben, die da glauben wollen, die Popmoderne sei ein Privileg des Westens.