Eine magische Formel macht die Runde, scheinbar einleuchtend, wenig bestritten: Wir brauchen industrielle Champions. Das klingt nach Siegeswillen, nach Durchsetzungskraft. Klar, auch die Wirtschaft braucht Spitzenreiter: im eigenen Land, in Europa, weltweit. Natürlich nicht nur in der Industrie, auch bei Banken und Dienstleistungen. Eben überall dort, wo globaler Konkurrenzkampf herrscht. Und der Staat soll sich gefälligst darum kümmern, dass Unternehmen, die das Zeug zum Spitzenreiter haben, das Ziel als Sieger erreichen.

Welch eine abenteuerliche Vorstellung! Der Staat als Antreiber von Fusionen, als Geldgeber für Zukäufe, als Meistermacher - solche Ideen waren lange aus der öffentlichen Debatte verschwunden. Jetzt, wo sich in ganz Europa und ganz besonders in Deutschland das Wirtschaftswachstum rar macht, soll es plötzlich der Staat wieder richten. Als ob er zu höherer Einsicht fähig wäre als die Wirtschaft. Als ob Konzerne, die per Dekret geschaffen werden, das Heil brächten. Als ob Größe eine Garantie für Erfolg wäre.

Zwei Erfahrungen der vergangenen Wochen zeigen, in welche Verirrungen diese Ambition führt. Im ersten Beispiel propagierte die Pariser Regierung die Bildung eines europäischen Champions in der Pharmabranche und unterstützte das französische Unternehmen Sanofi bei der Übernahme des deutsch-französischen Konkurrenten Aventis. Am Ende fühlte sich die deutsche Seite verprellt. Im zweiten Beispiel forderte Bundeskanzler Gerhard Schröder die Banken auf, sich zusammenzutun, und riet der Deutschen Bank reichlich unverblümt, zwecks Konzentration am besten die Postbank zu kaufen. Doch weder Post noch Bank wollten die Fusion und nahmen dem Kanzler seine ungebetenen Ratschläge übel.

Es spricht viel dafür, dass hinter den neu erwachten Ambitionen ein Strategiewechsel steht - dieseits wie jenseits des Rheins. Wie war das doch vor vier Jahren, als Vodafone sich an Mannesmann heranmachte und den deutschen Konkurrenten zu schlucken drohte? Da hielt sich die Bundesregierung weise aus dem Übernahmekampf heraus und ließ die Konzernzentralen machen.

Mannesmann verschwand - na und? Auch Paris, an industriepolitischen Erfahrungen reicher als Berlin, war in den vergangenen Jahren erstaunlich zurückhaltend mit Einfluss auf private Großunternehmen. Jetzt meinen die Regierungen, sie müssten in schweren Zeiten spektakuläre Zeichen setzen. Und sie legen dabei die Hemmungen ab, die sie bisher von direkten Interventionen abgehalten haben.

Grundsätzlich hat der Staat bei Fusionen nichts verloren. Das ist allein Sache der interessierten Unternehmen. Sie definieren ihre Strategie, sie regeln die Finanzierung, sie müssen im Ernstfall auch die Folgen eines Fehlschlags tragen. Die gibt es auch ohne staatliche Intervention. Siehe DaimlerChrysler. Keine der weltweiten Ambitionen der vergangenen Jahre hat sich erfüllt, keiner der Zukäufe ist ein eindeutiger Zugewinn. Fokker, Chrysler, Mitsubishi - die Namen stehen für Probleme, nicht für Erfolge.

Umso ärgerlicher, dass auch Industriepolitikern meist nicht mehr einfällt als Flucht in die Größe. Als ob die Tatsache, ein Branchenführer zu sein, etwas über Ertragskraft, Arbeitsplätze und Zukunftschancen eines Konzerns aussagt.