Was heißt es, einzige Weltmacht zu sein? Wie fühlt man sich, wenn man allen Ländern der Welt überlegen ist? Wenn man in jeder zwischenstaatlichen Beziehung der Stärkere ist und auch einer Koalition von Gegnern noch gewachsen bleibt? Wenn man von vielen gehasst wird und von vielen um Schutz angefleht, auch von Freunden weniger geliebt als benutzt - aber Rechenschaft schuldig ist nur sich selbst?

Einzige Weltmacht zu sein ist eine Charakterprobe ohne Beispiel. Vorsicht, Einsicht und Rücksicht erscheinen kaum mehr nötig. Höchste Verantwortung ist geboten, aber jede Willkür ist möglich. Was immer man tut, die Welt muss es hinnehmen, denn die Macht erlaubt nicht nur beinahe alles, sie rechtfertigt am Ende auch vieles. Kein Regime, gleich, welcher Art, erträgt diese Stellung, ohne sich zu verändern, auch steht keine Nation lange über allen anderen, ohne Schaden zu nehmen.

Die Politik der Vereinigten Staaten hat sich verändert, seit sie als einzige Weltmacht allein auf weiter Flur stehen. Washington wurde selbstherrlicher, rücksichtsloser, imperialer. Viele Europäer suchen die Ursachen in der Person George W. Bushs und dessen Ministern. Daran knüpft sich die Erwartung, alles werde wieder gut, wenn ein neuer Präsident mit anderen Helfern ins Weiße Haus einzöge. Aber so wird es kaum sein. Schon Bushs Vorgänger Bill Clinton, der alles auf Wirtschaft und "weiche Macht" setzte, griff in seiner zweiten Amtszeit entschlossen zur hard power. Und Bushs Herausforderer John Kerry gab bereits zu erkennen, er werde sich als dessen Nachfolger von niemandem daran hindern lassen, das Nötige zu tun, wenn die Sicherheit des Landes es erfordere. Solange Amerika bei Kräften ist, wird es seine Kräfte gebrauchen und unilateral entscheiden, was ihm wichtig ist, und multilateral nur behandeln, was ihm wenig bedeutet oder was es allein nicht schaffen kann.

Der 11. September 2001 erklärt die Veränderung nur zu Teilen. Er nötigte die Regierung Bush zu Kraftbeweisen und ermöglichte den Falken, zu tun, was sie schon vorher planten. Das entscheidende Datum jedoch war das Jahr 1990/91, als die Sowjetunion sich auflöste und Amerika als einzige Macht mit globaler Reichweite, globalen Interessen und globalem Ehrgeiz übrig ließ.

Amerikas gegenwärtiges Verhalten sollte niemanden verwundern. Wer stark ist, möchte stark bleiben, und wer schon früher dem Grundsatz Second to none huldigte, kann nach dem Verschwinden des einzigen Rivalen gar nicht anders, als seine Spitzenstellung zu behaupten. Nächst der Sicherheit des eigenen Landes ist seit den neunziger Jahren erstes Gebot, das Aufkommen eines neuen Rivalen in Asien oder Europa zu verhindern. Während die Vereinigten Staaten früher nach jedem siegreichen Krieg ihre Rüstung verringerten, manchmal in politisch unverantwortbarem Tempo demobilisierten, steigt jetzt der Wehretat unaufhörlich. Die Regierung Bush übertreibt das, aber an dem Ziel, militärisch unerreichbar zu bleiben, zweifeln auch die Demokraten nicht. Diesem Ziel und nicht nur dem Schutz des eigenen Landes dient auch das geplante Raketenabwehrsystem: Wenn es funktioniert, kann Amerika alle anderen schlagen, ohne selbst geschlagen zu werden - größere militärische Überlegenheit ist schwer denkbar.

Nochmals: Wir sollten uns nicht wundern. Die USA tun nichts anderes als das, was jeder Staat tut, dem sich neue Möglichkeiten eröffnen. Sie nehmen die Chancen wahr, die sich ihnen nach dem Ausscheiden der Sowjetunion bieten. Sie führen Krieg in Afghanis tan, das kein GI früher zu betreten gewagt hätte: Amerika passt seine Politik der gewachsenen Macht an.

Europäische Politiker wissen nicht recht, wie sie sich zum neuen Amerika stellen wollen. Manche folgen aufs Wort, sind stolz, wenn sie wohlgelitten sind beim Großen, und hoffen, dabei selbst etwas größer zu werden. Andere passen sich widerwillig an, weil sie es mit dem Großen nicht verderben wollen. Nochmals andere widersetzen sich mit dem verkrampften Trotz, aber zahlen hohe Preise, um den Großen wieder zu versöhnen.