Die Wirklichkeit unterscheidet sich schon rein äußerlich stark von ihren Interpreten. Sie trägt andere Kleider, sie spricht eine andere Sprache, es ist kein Wunder, dass die Wirklichkeit in Gestalt eines kleinen ukrainischen Truckers sich dem Bierzelt, in dem die deutschen Akademiker sitzen und einen Film über Trucker anschauen, nur sehr vorsichtig nähert. Der Mann bleibt am Zelteingang stehen. Normalerweise isst er hier sein Gulasch, manchmal nimmt er ein Bier, neunhundert Kilometer hat er heute schon hinter sich gebracht. Losgefahren in Frankreich und am Frankfurter Tor abgebogen auf den größten Stauplatz Europas, kurz vor der Grenze zu Polen, die seit dem 1. Mai keine mehr ist. Als er das letzte Mal hier Halt machte, gab es noch Zöllner, man stand sich die Reifen platt, bis zu 24 Stunden. An manchen Tagen wurden 2000 Lkw durchgeschleust, Polen, Litauer, Holländer, Weißrussen. "Der europäischste Ort weit und breit", hat Karl Schlögel vom Lehrstuhl für Geschichte Osteuropas an der Universität Viadrina verkündet, "liegt an der A12." Hier habe die Zukunft bereits begonnen. "Kriechströme", sagt Schlögel. "Armee des zivilen Austausches." Auf den Wegen, die die Trucker seit Jahren befahren, vollziehe sich nun der Vereinigungsprozess.

Nationalistischer Mob

Der euphorische Zugang des Professors zum Thema Europa ist in seinen Büchern dokumentiert: von Go east bis Die Mitte liegt ostwärts. Nun haben Schlögel und seine Studenten hier draußen ihre Zelte aufgeschlagen, um sich wie Humboldt dem Gegenstand der Betrachtung so weit wie möglich zu nähern. Die Methode, die sie seit einigen Jahren auf den Stauplatz anwenden, hat bewirkt, dass das Personal des Bistros mit leuchtenden Augen von ihnen spricht: Letzten Dezember hätten die Studenten eine Weihnachtsfeier organisiert. Und davor das Sommerfest! Mit Truckern seien sie bis nach Asien gefahren. Sieht man aus nächster Nähe wirklich besonders gut?

Ein wenig kritische Distanz zur offiziellen Europa-Begeisterung hat Schlögel doch gewahrt, indem er seine Party zwei Wochen nach dem Erweiterungsfeuerwerk ansetzte. Checkpoint Europa ist der wichtigste Programmpunkt des vom Kleistforum der Stadt Frankfurt veranstalteten Kulturfestivals mittenamrand und besteht aus Vorträgen, Freibier, Dokumentarfilm und Country-Konzert. Einen Tag lang soll die Mauer zwischen Basis und Überbau fallen, einmal sollen Forscher und Fernfahrer, Dichter und Politiker aus derselben Gulaschkanone essen.

Am Vormittag des 14. Mai jedoch ist das gepriesene Kleinsteuropa am Frankfurter Tor nicht mehr vorhanden. Fünf Trucks stehen allein auf weiter Flur, in der Ferne rauscht die Autobahn, am Festzelt rüttelt der Wind, draußen warten Karl Schlögel, der ungarische Schriftsteller György Konrád, der Herausgeber des Kursbuchs, Tilman Spengler. Gleich wird die Viadrina-Präsidentin Gesine Schwan eintreffen, Malgorzata Irek, die polnische Soziologin, die das wegweisende Buch zum Thema des Tages verfasst hat, Der Schmugglerzug, ist bereits da. Besorgt halten die Festredner nach einem Stau Ausschau. Dass er sich so schnell auflösen würde, hätte niemand gedacht. Kaum drei Stunden habe es gedauert, sagt Silvia Gosemann, die Chefin von Garonor, der Betreiberfirma des Stauplatzes. Am Abend des 30. April drängelten sich hier knapp tausend Fahrzeuge, auf der Autobahn standen noch mal so viele. Aber am 1. Mai, um 2.45 Uhr, waren sie alle weg. Silvia Gosemann sieht immer noch ein wenig erschrocken aus, wenn sie vom plötzlichen Verschwinden ihrer Welt spricht. Karl Schlögel hingegen kommentiert das Problem mit der Geistesgegenwart des Gelehrten, den im Grunde eben doch nichts überrascht. "Europe on the move!", ruft er aus und nennt das Fest kurzerhand Abschiedsfest. Die moderne Karawane sei weitergewandert, die virtuelle Stadt befinde sich jetzt an der polnisch-weißrussischen Grenze. Der Vorteil einer verallgemeinernden Deutung ist, dass sie immer passt. Vor der Grenze ist nach der Grenze, auch wenn sich unterdessen alles geändert hat.

Heute stehen erst vorm Übergang nach Polen nur einige wenige Lkw. Die Ausweise muss man noch vorzeigen. "Grenzpolizeiliche Kontrollen finden an den Binnengrenzen so lange statt, bis die Beitrittsländer die Sicherung ihrer Grenzen zu Drittstaaten nach dem EU-Standard nachweisen können." Die Ukraine ist so ein Drittstaat, ein Land, das nicht dazugehört, im Gegensatz zu Polen, das jetzt wenigstens einigermaßen dazugehört. Die deutschen Trucker allerdings, die sich dann doch auf Schlögels Party einfinden, weigern sich lautstark, diese Nachbarschaft anzuerkennen. Mit den Polen wollen sie nichts zu tun haben, die gingen einem immer gleich an die Kehle.

Der von Freibier und nationalistischen Aggressionen benebelte Mob ist als zufällig ausgewähltes Phänomen natürlich nicht repräsentativ. Aber was hieße denn repräsentativ? Die Crux aller Soziologie von unten besteht ja in der totalen Inkongruenz der Fallbeispiele. Frau Gosemann kann beschwören, dass auf ihrem Stauplatz, der sich seit dem Baustart 1994 zu einer Utopie ausgewachsen hat, die Trucker eine wunderbare Gemeinde bildeten. Sie selber borgte einem kranken Fahrer, der keine Auslandsversicherung hatte, auf Treu und Glauben 500 Euro und bekam das Geld im Handumdrehen wieder. "Feine Menschen!", sagt Silvia Gosemann, während das Brandenburgische Staatsorchester zu spielen beginnt. "Genau wie Professor Schlögel." Wer wollte da widersprechen? Was Frau Gosemann und Herrn Schlögel eint, ist der alte Traum vom friedlichen, aufgeklärten Miteinander. Deutsche und Polen. Arme und Reiche. Fernfahrer und Professoren.

Intellektueller Feldgottesdienst