Terrorismus Angriff der Fremdkörper
In seinem Essay "Anthrax'. Bioterror als Phantasma" analysiert Philipp Sarasin die Nähe von Fiktion und politischer Realität und erhellt so den Schrecken des 11. September
Ein stachliges Etwas rast auf die Skyline einer amerikanischen Großstadt zu, der Eindringling muss abgewehrt werden durch Waffen, die Helferzellen heißen oder Killerzellen. Ein Videospiel, gezeigt von einem Dokumentarfilm der BBC im Jahr 2000, Das stachlige Etwas ist ein Virus, der sich vermehren will und so die Stadt verwüstet. Oder noch eine Fiktion: Ein unbekannter Virus, mitten in New York freigesetzt, frisst die Bevölkerung auf. Der Täter hat Verbindungen zur irakischen Biowaffenproduktion. Das fantasiert Richard Prestons Roman 1997, von Bill Clinton gelesen und seinen Beratern als Pflichtlektüre aufgetragen. Reine Fiktion.
Der Zürcher Historiker Philipp Sarasin, der in seinem Essay „Anthrax“ die Macht der Fiktion im Geschehen des 11. September untersucht, lässt sich aber von der Eigentümlichkeit des Realen aufstören. Wie ist es zu erklären, fragt er, dass nur Minuten nach dem Einschlagen der Flugzeuge ins World Trade Center die Nationalgarde mobilisiert wurde, um den Kampf gegen tödliche biologische Kampfstoffe aufzunehmen? Warum blieben die Abfangjäger der Air Force am Boden?
Warum schluckte die amerikanische Führung am Morgen des 11. September das wirksamste Antibiotikum gegen Anthrax? Und warum war ausgerechnet Anthrax das Gift, das kurz nach den Flugzeugattentaten verschickt wurde? Kurz: Wieso wurde aus dem Terror ein „Bioterror“? Das Buch antwortet: Weil man sich eine andere Gefahr als die eines biologischen Angriffs nicht vorstellen konnte. Die Fantasie war durch die Fiktion darauf vorbereitet. Also wurde politisch auf einen Bioangriff reagiert, und also hat einer wirklich Biogift in Anthrax-Briefe gesteckt.
Das Geschehen um den 11.September als eine Spiegelung der Fiktion zu verstehen: „Darf man so reden?“, fragt Philipp Sarasin. „Muss man nicht darauf beharren, dass die Filmbilder mit dem 11.September nichts zu tun haben, dass sie bloße Metaphern sind?“ 2752 Tote, Leid, eine schwarze Wunde in der Metropole der westlichen Welt und als Folge ein heilloser Krieg: Das war der 11.September, und Sarasin, der nach der Legitimität seiner Methode fragt, weiß, dass er als moralfrei kritisiert werden kann. Die Diskursanalyse, die Sarasin vorführt, indem er Bilder und Metaphern der Populärkultur seziert, kennt wenig Mitleid und blendet die Frage nach der Verantwortung aus.
Sarasin weiß das, und so rückt er seinen Essay in das Licht des Philosophen Jacques Derrida, der schrieb, vor den „Tragödien der Opfer“ könne man sich „nur in unendlichem Mitgefühl verneigen“. Der 11.September, betont Sarasin, war kein Spiel. Und bekennt sich umso entschiedener zu der Aufgabe der Kulturwissenschaft, „zu verhindern, dass Politik zur Seuchenkontrolle verkommt“. Ein derart gelungener Nachweis, was die Kulturwissenschaft kann, war seit langem nicht zu lesen. Dass auch Sarasin sich ein paar modische zeichentheoretische Spielereien nicht verkneift, ist demgegenüber belanglos. Ärgerlicher schon, dass er nicht fragt, warum auch in Amerika viele ihre kritischen Sinne wachhalten konnten. Die Fiktion beherrscht eben nicht jeden.
Sarasin, ausgewiesen durch Arbeiten zur Historie der Hygiene, folgt bei der Suche seiner Vermutung, der 11.September dokumentiere ein zentrales Fantasma der Moderne: „das Phantasma, dass der Feind eine Mikrobe sei, ein Parasit, ein kaum sichtbares oder gar völlig unsichtbares Ungeziefer, das man nur vernichten kann“. Die Angst vor Anthrax, im Unterschied zum realen, tödlichen Gift hier als „Anthrax“ apostrophiert, habe entscheidend dazu beigetragen, argumentiert Sarasin, dass Bush den Krieg gegen den Terror bis in den Irak trug. Und erst vor dem Hintergrund der weltweiten Ströme von Touristen, Migranten und Waren lasse sich die Angst vor Eindringlingen erfassen.
Sarasin führt den Leser verschiedene Forschungspfade entlang. Zuerst rekonstruiert er die faktische Geschichte der Chemie- und Biokampfstoffe sowie ihrer Ächtung – einschließlich ihres Fortlebens im Verdacht. Dann analysiert er das Biogift Anthrax in seinen unterschiedlich gefährlichen Formen und zeichnet die Geschichte jener Briefe, die Amerika im Herbst 2001 in Angst versetzten, die fünf Menschen das Leben kosteten und allein in den USA rund 2300 Nachahmer fanden, die irgendein weißes Pulver verschickten – schon im Herbst 1998 aber, erinnert Sarasin, gab es eine Welle von Anthrax-Briefen aus dem rechtsextremen Milieu gegen Abtreibungskliniken und Behörden. Das Muster war erprobt.
Der nächste Pfad führt am Beispiel des Wortes Anthrax, mit dem Psychoanalytiker Jacques Lacan, durch die Theorie der Bedeutungsverschiebung, welche Sprache charakterisiert. Sarasin macht erkennbar, dass seit dem Januar 2002 in der öffentlichen Rhetorik die Ursprungsbedeutung von Anthrax durch die Angst vor jeder Art von Seuche ersetzt wird, bis schließlich die Massenvernichtungswaffen ins Zentrum der Angst rücken – im Januar 2003 ist jeder zweite Amerikaner davon überzeugt, dass Saddam Hussein den Anschlag aufs World Trade Center zu verantworten habe und die USA durch Massenvernichtungswaffen bedrohe. Aus Anthrax ist die Angst „Anthrax“ geworden.
Besonders unheimlich ist Sarasins Analyse des Romans Cobra Event von Richard Preston: Hier wird Prestons Behauptung wissenschaftlicher Seriosität durch Experten widerlegt, eine Idee, auf die sein Leser Clinton offenbar nicht verfiel. „Lassen Sie uns annehmen“, sagt Clinton 1999 im Interview, „irgendein Terrorist stellte einen genialen Wissenschaftler mit einem Labor an, um dort Anthrax zu nehmen und irgendeine Variante reinzubringen, sodass es gegen alle bekannten Anthrax-Antibiotika resistent wird… Wir wissen, dass Osama bin Ladens Netzwerk Anstrengungen unternommen hat, um an chemische Waffen heranzukommen.“ Aber Anthrax sei doch ein biologisches Gift? Nun, vielleicht habe bin Laden das auch, we don’t know.
Die Politik darf nicht vor lauter Angst zur Seuchenkontrolle verkommen
Parallel zu dieser Durchdringung von Fiktion und Realität belegt der Historiker, welche realen Substrate die Angst nähren, die dann ihren eigenen Weg geht, und dokumentiert also auch die Ungewissheit um Saddams verbleibende Waffen, deren Abbau die UN kontrollierte. Schließlich brilliert Sarasin wiederum als Historiker, indem er zeigt, wie die moderne Geschichte der Angst vor Fremdlingen im Zeichen der Metaphern von Infektion und Abwehr steht. Er zeigt, wie die Bakteriologie des 19. Jahrhunderts pathogene Mikroorganismen als auszurottende Feinde versteht, während realhistorisch dieselbe Metaphorik die populäre Angst besonders vor jüdischen Zuwanderern aus dem Osten durchzieht. Und zitiert den polnischen Bakteriologen und Erkenntnistheoretiker Ludwig Flek, der kritisiert, wie „primitive Kampfmetaphern die ganze Immunitätswissenschaft durchtränken“. Das war kurz bevor Juden als „Schädlinge“ durch die „Desinfektionsduschen“ in den Tod gezwungen wurden.
Was ergibt diese hoch konzentrierte Indiziensuche? Vielerlei, wenngleich Sarasin, was sonst könnte er tun, nur öffentlich zugängliche Quellen verdichtet. Empirisch zunächst: Das Buch dokumentiert etwa, wie sich das Budget für antibakterielle und antivirale Maßnahmen allein am Institut in Bethesda seit dem Herbst 2001 von zweistelligen Millionenbeträgen auf einen Etat von 1,5 Milliarden Dollar erhöhte. Es zeigt, dass schon im Oktober 2001, noch während die Anthrax-Briefe unterwegs waren, der Buchmarkt mit Ratgebern überschwemmt wurde, die Schutz vor Bioterror anbieten.
Sarasins Analyse belegt auch, dass die „Qualität“ des tödlichen Anthrax-Stoffes nur in staatlich gestützten Hochsicherheitslabors erreicht wurde, sodass die Vermutung kaum von der Hand zu weisen ist, dass der bis heute unbekannte Täter aus dem Umkreis dieser Spitzenlabors kommt. Sarasin trägt Nachweise zusammen, die nahe legen, dass die amerikanische Regierung von den Flugzeugattentaten keineswegs überrascht wurde und dass dies auch derjenige gewusst hat, der umgehend die tödlichen Briefe verschickte.
Über die Empirie hinaus: Sarasins Essay „ Anthrax“ zeigt, wie Politik gegenwärtig, aber doch schon seit langem zur Seuchenkontrolle wird. Er zeigt, wie das Bild vom anderen, fremden Menschen sich in die Fratze vom gefährlichen Eindringling verwandelt. Er legt nahe, dass die zahllosen Anthrax-Täter eine subversive Lust am Spiel mit der Infektion verkörpern. Und lässt erkennen, wie die unordentlichen postmodernen Gesellschaften durch die Biologisierung der Politik einem hoch gefährlichen Traum von der Ordnung folgen. Vor allem anderen aber: Dieses Buch macht deutlich, wie Gesellschaften, die vom fiktiven Albtraum der biologischen Bedrohung regiert werden, dem kollektiven Imaginären erliegen.
Der Terror ist real. Welche Fantasien auch immer den Terror leiten: Seine Bekämpfung folgt einem Fantasma. Sarasins Wissenschaft weist darauf hin.
Philipp Sarasin: „Anthrax“ Bioterror als Phantasma. edition suhrkamp 2368, Frankfurt am Main 2004, 196 S., 9,– €„Anthrax“EssayPolitisches BuchBioterror als PhantasmaPhilipp SarasinBuchSuhrkamp Verlag2004Frankfurt a. M.9196- Datum 07.08.2008 - 11:44 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 19.05.2004 Nr.22
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