In dieser Woche sollen Hilfsmaßnahmen für die Bevölkerung im Westsudan beginnen. Mindestens eine Million schwarzafrikanische Bewohner der Region Darfur sind zurzeit auf der Flucht vor schwer bewaffneten arabischen Banden, die sie – offenbar mit Billigung der sudanesischen Regierung – terrorisieren und mit brutaler Gewalt vertreiben. Als Folge droht im Westsudan – und in den notdürftigen Lagern im benachbarten Tschad – eine Hunger- und Gesundheitskatastrophe, deren Opfer in die Hunderttausende gehen dürfte, sollte sie nicht rechtzeitig abgewendet werden.

Die Zentralregierung im Sudan hat inzwischen die notwendigen Genehmigungen für eine internationale Hilfsaktion zwar teils erteilt, teils zugesagt. Ob sie sich daran jedoch hält, bleibt abzuwarten. Die bisherigen Erfahrungen mit dem Regime in Karthum lassen daran zweifeln, nicht zuletzt die Erfahrungen der fünfköpfigen Delegation des Bundestagsausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe. Die fünf Berliner Abgeordneten wurden bei ihrem Besuch Mitte Mai massiv behindert. Vor allem wurde den Abgeordneten unter Führung der Ausschussvorsitzenden Christa Nickels (MdB von Bündnis 90/Die Grünen) ein Besuch in Darfur untersagt. Das widersprach ursprünglichen Zusagen an die Delegation, sich im Sudan frei bewegen zu dürfen.

Auf dem Flughafen am Rande Karthums, wo eine von der deutschen Botschaft gecharterte Maschine für die Abgeordneten bereit stand, sei es – so berichtete die Abgeordnete Nickels in einem Gespräch mit der ZEIT/zeit.de am Wochenende – zu turbulenten Szenen gekommen, als lokale Behördenvertreter den Besuchern den Zutritt zum Flugfeld verweigerten. In der Begleitung der Delegation habe sich ein Kamerateam der ARD befunden, das sogar über eine offizielle Drehgenehmigung aus Karthum verfügt habe. Die Journalisten seien bedroht worden, ihnen seien obendrein ihre Filme abgenommen und ihr sudanesischer Assistent sei festgenommen worden. Die Abgeordneten mussten ihr Vorhaben nach Darfur zu reisen nach Angaben der Ausschussvorsitzenden schließlich aufgeben.

Als Antwort auf den "Hinhalte- und Täuschungskurs" der Regierung in Karthum fordert Christa Nickels nun verstärkten Druck seitens der Staatengemeinschaft. "Dieses Lavieren und Taktieren hat nur Bestand, solange die internationale Staatengemeinschaft die Lage im Sudan auf ihrer Prioritätenliste nicht ganz nach oben setzt", sagte sie der ZEIT/zeit.de. Die sudanesische Regierung müsse mit Hilfe von politischem Druck gezwungen werden, internationale Helfer in die Krisenregion zu lassen, für die Einhaltung des vereinbarten Waffenstillstands zu sorgen und zu diesem Zweck sowohl die Einreise internationaler Beobachter wie den Einsatz von Soldaten der Afrikanischen Union zuzulassen. Sie müsse außerdem unverzüglich die Unterstützung der arabischen Janjaweed-Milizen einstellen. Schließlich, so Nickels, müsse eine internationale Kommission die Gräueltaten dieser Milizen im Westsudan – Mord, Vergewaltigung, Plünderungen Zerstörungen und Vertreibung der Einwohner – ohne Behinderung untersuchen können.

Vorrang habe zunächst aber das Ende der Kampfhandlungen und Zugang für die Helfer in die Region. In wenigen Tagen beginne im Sudan die Regenzeit, warnen alle Kenner der Lage. Dann sei Hilfe auf dem Landweg praktisch unmöglich. Die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Hilfsgütern müsse dann, sagt Nickels, auf dem Luftweg erfolgen. Das mache nicht nur die Kooperationsbereitschaft der sudanesischen Regierung notwendig. Die akute Flüchtlingskrise und die drohende Versorgungskatastrophe seien auch eine Herausforderung für die internationale Staatengemeinschaft selbst. Sie müsse sofort und ohne lange Debatten um Kosten- und Aufgabenteilung handeln. Die internationalen Helfer in Karthum, so berichtet die Ausschussvorsitzende, hätten ihr als schlimmsten möglichen Fall folgende Situation beschrieben: "Die Regierung in Karthum macht eine Kehrtwende und akzeptiert alle Forderungen – die Staatengemeinschaft aber ist politisch nicht in der Lage, entsprechend zu handeln." Sie könne sich nicht einigen, Material, Menschen und vor allem Transportkapazitäten rechtzeitig zur Verfügung zu stellen. Für die Gegner der Kooperation in Karthum wäre das die Stunde ihres Triumphs. Christa Nickels sieht deshalb die Staatengemeinschaft, vor allem UN und EU, in einer schwierigen Situation: "Es droht ein Offenbarungseid".

Auf Grund der Verzögerungsstrategie des Sudan sei schon lebenswichtige Zeit verstrichen. "Mit der Regenzeit wächst die Gefahr von Seuchen, vor allem der Cholera. Experten rechnen mit bis zu zwölftausend Toten pro Tag. Da kann die sudanesische Regierung sich noch so gegen die internationale Kritik wehren – im Ergebnis ist das Völkermord."