Wegen Pflichtverletzung, Misshandlung von Gefangenen, Verabredung zur Misshandlung und Pflichtversäumnis wurde der US-Militärpolizist Jeremy Sivits von einem US-Kriegsgericht in Bagdad zu einem Jahr Haft verurteilt. Zudem wurde er wegen schlechter Führung degradiert und unehrenhaft aus der Armee entlassen. Nach Auffassung der Anklage soll der 24-jährige Unteroffizier einen Großteil der Aufnahmen gemacht haben, die weltweit in den Medien und im Internet zu sehen waren. Mit diesem Urteil schloss das erste Verfahren gegen einen amerikanischen Soldaten im Zusammenhang mit den Misshandlungen irakischer Gefangener.

Sivits bekannte sich vor Gericht schuldig und zugleich entschuldigte er sich beim irakischen Volk. "Ich hätte diese Gefangenen beschützen müssen. Ich hätte dieses Foto nicht machen sollen", beteuerte er. Er habe gewusst, dass es sich um schwere Misshandlungen gehandelt habe, aber trotzdem mitgemacht. Während des Prozesses hat der nun Verurteilte mehrere Soldaten belastet, die an der Misshandlung und sexuellen Demütigung der Gefangenen beteiligt gewesen sein sollen. Im Gegensatz zu den bislang sechs weiteren Angeklagten wird ihm jedoch keine direkte Beteiligung an den Misshandlungen vorgeworfen.

Mit der Höchststrafe hat sich das Sondergericht der öffentlichen Meinung gebeugt. Wichtig ist aber auch, dass es der erste Schritt für weitere Urteile sein kann - vor allem gegen höhere Offiziere. Der US-Regierung zufolge waren die Misshandlungen auf einige wenige Einzeltäter unter den Soldaten und auf das Abu-Ghraib-Gefängnis beschränkt. Nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz sieht die Lage ganz anders aus: In US-Gefängnissen im Irak sei systematisch gefoltert worden. Und aus Sicht der Iraker ist das Urteil eher eine Gnade. "Ich wünschte, sie bekämen die Todesstrafe, selbst das wäre noch weniger als sie verdienen", sagte Hala Assaui, Mutter eines der 3000 Häftlinge.

Der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak, General Ricardo Sanchez, kündigte bei einer Anhörung im Senat intensive Untersuchungen bis in die höchsten Ränge an. "Das schließt auch mich ein", sagte Sanchez. Der Chef des für die Golfregion zuständigen US-Zentralkommandos, General John Abizaid, erklärte, jeder Offizier sei für das Verhalten seiner Einheiten verantwortlich. "Ich übernehme somit die Verantwortung für das Zentralkommando", sagte Abizaid. Beide sprachen von "Systemproblemen" im Gefängnis von Abu Ghraib, wo sich die Misshandlungen ereigneten.

Präsident George W. Bush hatte die Gefangenenmisshandlungen im Irak als "unamerikanisch" verurteilt. Jamie Fellner von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kann dieser Formulierung so nicht zustimmen. Nach ihren Worten sind die Vorkommnisse im Gefängnis Abu Ghraib keine Einzelfälle, sondern spiegeln wider, was sich auch in Gefängnissen auf amerikanischem Boden abspielt.

Amnesty International pflichtet bei. "Wir teilen den Aufschrei der Empörung über die Misshandlungen durch US-Soldaten im Irak", sagt Vertreterin Michelle Lindea. „Aber wir wünschten uns, dass die Lage in den US-Gefängnissen genau so große Aufmerksamkeit fände."

Rund zwei Millionen Menschen sitzen in den USA hinter Gittern. Misshandlungen ähnlich jenen in Abu Ghoreib kämen regelmäßig vor, beklagt Fellner. Das gelte vor allem für die rund 40 Hochsicherheitsgefängnisse mit ihren Isolationszellen. "Seit über einem Jahrzehnt schon weisen wir auf die Missstände hin, ohne dass etwas passiert."