Exodia ist stark. Aber so richtig begeistert sich Tim trotzdem nicht dafür. "Selbst wenn du alle Exodia-Teile hast, dein Gegner aber Kettenzerstörer und ein starkes Monster, dann kann er dich besiegen", sagt der Zehnjährige abschätzig. Tim ist Viertklässler in der Hamburger Clara-Grunwald-Schule – und Yu-Gi-Oh!-Profi.

Wie viele andere in seinem Alter hat ihn eine neue Sammelkartenwelle erfasst. Yu-Gi-Oh!-Karten seien "viel besser als die von Pokémon", die in den vergangenen Jahren populär waren. Ein wenig erinnert das japanische Yu-Gi-Oh! – zu Deutsch: König der Spiele – an das altmodische Autoquartett oder an Panini-Sammelbildchen. Nur steckt dahinter ein ausgeklügeltes System. Das Herstellerkonsortium um die japanische Firma Konami hat die Begeisterung der Kinder mit generalstabsmäßigem Marketing ausgelöst. Yu-Gi-Oh! ist ein Milliardengeschäft.

Es geht um die wahren Global Player – die Kinder. In Japan, den USA und Europa geben viele ihr ganzes Taschengeld für die bunten Bildchen aus. Auch in der Clara-Grunwald-Schule in Hamburg. In Mappen, Tupperschüsseln und selbst gebastelten Kästen tragen die Grundschüler ihre Karten herum, spielen und tauschen. "Lauter kleine Händler" beobachtet eine Lehrerin auf ihrem Schulhof. Corinna Printzen vom Deutschen Verband der Spielwaren-Industrie sagt, dass die Yu-Gi-Oh!-Mania die Pokémon-Welle bereits übertroffen habe. Auf deren Höhepunkt waren hierzulande etwa 200 Millionen Karten im Umlauf, bei Yu-Gi-Oh! dürften es mittlerweile bis zu 500 Millionen sein. Der Markt verträgt noch mehr: Im Mutterland Japan wurden bisher 3,5 Milliarden Karten verkauft.

Und das sind nur die offiziellen Zahlen. Auf Flohmärkten und Schulhöfen, aber auch im Internet werden die Karten gehandelt – allein 13160 Auktionen registriert eBay Deutschland derzeit. "Dort bringt Yu-Gi-Oh! richtig Geld", sagt der neunjährige David; seltene Karten würden innerhalb von zehn Minuten auf zehn Euro hochgesteigert. Die von Tim so gering geschätzte Exodia notiert derzeit bei bis zu 50 Euro – eine Wertsteigerung von 10000 Prozent.

Wer mitmachen will bei Yu-Gi-Oh!, braucht eines der vier "Starter Decks", also Sammelkartenpäckchen mit 40 Stück. Einzelhändler sollten sie eigentlich für 12,95 Euro anbieten, aber wegen der hohen Nachfrage sind Ladenpreise von 18 Euro keine Seltenheit. Billiger sind bloß Plagiate. Wo so viel Geld im Spiel ist, sind Fälscher nicht weit.

Um in der Yu-Gi-Oh!-Gemeinde ernst genommen zu werden, braucht man zusätzlich zum Startpaket die Überraschungspäckchen à 3,95 Euro, in denen jeweils neun verschiedene Karten stecken. Aber kein Kind weiß, welche. Alle zehn bis zwölf Wochen kommen neue Karten auf den Markt. Wer die seltenen und begehrten darunter besitzen will, braucht Glück – und muss viele Päckchen kaufen. Bereits vier Monate nach Erscheinen waren in Deutschland zehn Millionen Startpakete und zusätzliche Wundertüten verkauft.

Karten mit Manga-Optik waren lange ausschließlich ein japanisches und amerikanisches Phänomen. Jetzt lieben auch deutsche Kids das Prinzip, und die Hersteller der so genannten Trading Cards wissen ganz genau, wie sie ihre junge Zielgruppe umfassend ansprechen.

Alle drei Jahre etwa sei der Markt reif für einen neuen Trend, schätzt Jo Daris vom Sammelkartenspezialisten Upper Deck, der Yu-Gi-Oh! weltweit vertreibt und zusammen mit dem Dietzenbacher Unternehmen Amigo in Deutschland vermarktet. "Pokémon begeisterte die älteren Geschwister, jetzt wollen die Kleinen ihr eigenes Spiel", sagt Daris. Aber das allein reicht nicht. Die Kinder müssen die Geschichte von Yu-Gi-Oh! kennen lernen. Zentraler Bestandteil des Marketings ist deshalb eine tägliche Fernsehserie, die seit einem Jahr auf dem Privatsender RTL2 läuft.