Argument Der "Löwe" auf dem Sprung
Indiens Regierungschef Singh muss den Wohlstand aufs Land bringen
Vor 13 Jahren gab es in Indien nur drei Automarken, in den Regalen der Kaufhäuser herrschte sozialistische Einfalt, und das Land stand kurz vor dem Bankrott. Damals rief die regierende Kongresspartei Manmohan Singh zu Hilfe - einen exzellenten Ökonomen, aber ein politisches Greenhorn. Der Quereinsteiger wagte, was bis dato undenkbar war: Er wertete die Rupie ab, kürzte die Subventionen für Bauern, lichtete die Bürokratie und öffnete Indien behutsam für den Weltmarkt. Heute sind die Regale voller Waren, auf den Straßen fahren Autos der unterschiedlichsten Marken. Und die Wirtschaft wuchs zuletzt um acht Prozent.
Nun kehrt der Doktor zurück. Diesmal nicht als Finanzminister wie von 1991 bis 1996, sondern als Regierungschef der zweitgrößten Nation der Welt. Der Weltklasse-Ökonom hat das Zeug, Indien im Kampf gegen die Massenarmut ein gutes Stück voranzubringen. Weil er den Sachverstand hat, das Rückgrat, die Integrität. Und eine Vision.
Singh ist der richtige Mann zur rechten Zeit. Zwar hat die nun abgewählte Hindu-Partei BJP seine vor 13 Jahren angeschobenen Reformen sogar forciert und dabei gute Arbeit geleistet. Aber das Wirtschaftswunder kommt bislang vor allem bei den urbanen Mittelschichten an. Die Masse der Menschen auf dem Land bleibt beim "leuchtenden Indien", das die BJP im Wahlkampf bejubelte, außen vor. Berauscht vom wirtschaftlichen Erfolg, verdrängte die Möchtegern-Supermacht die Armen aus ihrem Bewusstsein. Es ist obszön, wenn in staatlichen Lagerhäusern Getreide verrottet, während über 200 Millionen Menschen in Hunger leben. Es ist ebenfalls obszön, wenn in den Städten konsumiert wird wie nie, während auf dem Land hoch verschuldete Bauern aus Verzweiflung Pestizide schlucken. ber 250 Millionen Inder leben von weniger als einem Dollar am Tag.
Singhs Mission ist ehrgeizig. Er will die Landbevölkerung mit ins neue Indien nehmen. Eine schwierige Aufgabe. Der neue Premierminister verspricht "Reformen mit menschlichem Antlitz". Was er darunter versteht? Noch bleiben die Ankündigungen vage. Als Sohn einer armen Bauernfamilie kennt er die armseligen Zustände auf dem Land, als Absolvent von Cambridge und Oxford weiß er aber auch, nach welchen Regeln die Wirtschaft funktioniert. Klar ist deshalb: Indiens Unternehmer müssen nicht fürchten, dass die neue Mitte-links-Regierung die Reformen stoppt oder abrupt ihre Richtung ändert. Ohnehin genießt der Sikh mit dem hellblauen Turban, dem weißen Bart und der großen Brille in der Wirtschaft beinahe blindes Vertrauen - ein Wort von ihm genügte, um jüngst die panischen Börsianer zu beruhigen.
Sein größter Pluspunkt ist seine Integrität, die ihn im zutiefst korrupten Politbetrieb Indiens zu einer Lichtgestalt macht. Der 71-Jährige ist sehr fleißig, sehr kompetent und grundbescheiden. Lieber hockt er hinter Akten, als auf Partys zu gehen. Zudem hat er als Finanzminister bewiesen, dass er keine Tabus kennt. Jetzt wird er nur Erfolg haben, wenn er Misswirtschaft und unsinnige Subventionen eindämmt.
blicherweise verschaffen sich Indiens Politiker mit Wahlgeschenken Stimmen. Und das in einem Umfang, der an Dreistigkeit rührt. Minister missbrauchen ihr Amt, um ihren Wahlkreis zu bedienen. Und bei dieser Wahl trieb ein Dorf die indische Kaufdemokratie auf die Spitze, indem es seine Stimmen geschlossen an den meistbietenden Kandidaten verschacherte. Auch die Kongresspartei sicherte so über Jahrzehnte ihre Macht. Dieses Mal allerdings ist Singhs Kongresspartei mit ihren 145 Sitzen meilenweit entfernt von der absoluten Mehrheit, die bei 272 Sitzen liegen würde. Singh muss sich also mit einem Haufen von Bündnispartnern herumschlagen, die eher der Drang zur Macht eint als gemeinsame Ziele. Zudem werden die Kommunisten "von außen" mitregieren, die mit 62 Stimmen den drittgrößten Block stellen. Das wird seinen Spielraum weiter begrenzen.
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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