zuwanderungHochbegabte Ausländer raus!

Sie sind fleißig, fähig, kinderreich, gut integriert – und unerwünscht. Lehrstück aus einem Zuwanderungsland von 

Hamburg

In den Villen und Bungalows von Groß Flottbek leben Menschen, die Glück haben. Es ist ein vor Zufriedenheit zwitschernder Stadtteil, der es sich bei den westlichen Parks der Hansestadt Hamburg gemütlich gemacht hat. Auch die Familie Elmurzajew kommt langsam wieder zu sich, seit sie hier leben darf. Natürlich nicht im Eigenheim, sondern in einem rosa gestrichenen Holzhäuschen mit der Nummer 37. Es liegt in einer kleinen Siedlung am Hemmingstedter Weg, in der die Stadt an die 350 Aussiedler und Flüchtlinge untergebracht hat, gut 100 Kinder darunter. Auf 8.000 Quadratmetern stehen die Häuschen im Landschaftsschutzgebiet, umwuchert vom Grün, kaum sichtbar von der Straße. Noch schaufeln kleine Jungen im Sandkasten, noch schmeißen kleine Mädchen beim Schaukeln die Beine in die Luft. Doch die Elmurzajews haben Post bekommen, dass ihr Dorf am 30. Juni 2004 abgerissen und ihnen irgendwo im Stadtgebiet ein neues öffentlich-rechtliches Zuhause zugewiesen werden wird.

Deutschen Nachbarn am Hemmingstedter Weg ist es – nach vielen Jahren des Protestes – schließlich doch gelungen, den Abriss des Pavillondorfes durchzuboxen. Sie fürchten, die Not der Flüchtlinge könnte die eigene Existenz kontaminieren und die herangerückten Weltprobleme könnten auf die Grundstückspreise drücken. Der 1. Juli 2004 wird ein Tag des Triumphes für die gehobene Anliegerschaft. Endlich ist man wieder allein mit sich und der Illusion von der geschlossenen Gesellschaft. Keine schwarzhaarigen Afghanenkinder werden an den Häusern vorbei zur Schule traben. Keine Menschen, die in Hosen aus der Kleidersammlung stecken, werden mehr an der Bushaltestelle warten. Darüber sind die meisten deutschen Anwohner des Hemmingstedter Wegs von Herzen erleichtert.

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Junadi und Marina Elmurzajew und ihre vier Kinder Diana, Ilona, Magomed und Kasbek stammen aus Grosnyj. Sie flohen mit dem, was sie auf dem Leib trugen, vor drei Jahren haben sie Hamburg erreicht. Hier will die Familie neu anfangen, ihr Asylantrag ist noch nicht beschieden. Die Elmurzajews gehörten einst der tschetschenischen Oberschicht an. Der Vater war Bauingenieur und ein angesehener Mann, heute ist er bloß ein Flüchtling, der nach dem deutschen Ausländergesetz nicht arbeiten darf. Alle Hoffnungen der Eltern ruhen deshalb auf den Kindern: Fleißig sollen sie sein, etwas werden in diesem schönen reichen Land. Diana, mit 16 Jahren die Älteste, besucht das Kurt-Tucholsky-Gymnasium. Ihr Zeugnis besteht aus Zweien. "Diana wird den hohen Anforderungen, die an sie gestellt werden, problemlos gerecht", kommentiert die Schule. "Durch ihre unkomplizierte und hilfsbereite Art ist sie eine Bereicherung für die ganze Klasse." Ilona, die 10-jährige Schwester, soll im nächsten Jahr aufs Osdorfer Gymnasium gehen. Ihr Lieblingsfach ist Religion, die Geschichten der Bibel haben es der kleinen Muslimin angetan. Magomed geht in die Grundschule am Windmühlenweg, seine deutschen Mitschüler haben Bittbriefe an Senat und Schulbehörde geschickt; sie wollen all die netten Klassenkameraden aus dem Holzdorf nicht verlieren.

Man sollte annehmen, dass die Hamburger Landesregierung dies Anliegen teilt. Denn eigentlich gehört die Familie Elmurzajew genau zu jenen Ausländern, die Deutschland braucht, um die es werben will – und für die es, jedenfalls am Anfang der Zuwanderungsdebatte, ein Gesetz machen wollte. Doch die Briefe der Schüler gehen ins Leere, ein Flüchtlingskind nach dem anderen verschwindet aus den Klassen. Auch Magomed wird bald nicht mehr auf seinem Platz sitzen. Und für die Elmurzajew-Kinder, die vor allem Krieg und Vernichtung kennen, endet mit dem Auszug aus ihrem Holzhäuschen "die beste Zeit unseres Lebens".

Seit seiner Gründung 1990 ist das Holzdorf am Hemmingstedter Weg umkämpftes Gebiet. Errichtet wurde es als Obdach für Aussiedler aus dem ehemaligen Ostblock, und sofort zogen 28 Nachbarn vor das Hamburger Verwaltungsgericht. Ihre Klage wurde abgewiesen. Um die Empörung zu besänftigen, versprach die damals amtierende SPD-Landesregierung den Anwohnern, die Lebenszeit des Dorfes auf fünf Jahre zu begrenzen. Dieses Versprechen ließ sich aber nicht halten, zu groß war der Andrang der Flüchtlinge aus aller Welt.

Unter dem Dach der örtlichen Kirche formierte sich rasch ein ehrenamtlicher Helferkreis, der sich "Brückenschlag" nennt: wohlgesinnte Hamburger, die mit Stiften, Fibeln und Tafeln ins Hüttendorf kamen, um den Aussiedler- und Flüchtlingskindern bei den Schularbeiten zu helfen, sie Deutsch zu lehren und ihnen Nachhilfeunterricht zu geben. Ein Kindergarten entstand, eine Nähstube für die ausländischen Frauen und ausgedehnte Teerunden zum Herzausschütten. Verschüchterte Neuankömmlinge aus den verschiedenen Teilen der Welt wurden bei Willkommensfeiern aufgetaut, die Flottbeker Bürger fanden in ihren Briefkästen Einladungen zu Sommerfesten ins Holzhäuschendorf. In der Grundschule am Windmühlenweg saßen die kleinen Iraner, Afghanen, Bosnier und Libanesen bald munter zwischen den Kindern deutscher Ärzte, Rechtsanwälte, Unternehmer und Immobilienmakler, mit denen sie nachmittags spielten und zu deren Geburtstagsfesten sie eingeladen wurden. So kam es, dass die meisten Dorfkinder jetzt fehlerlos Deutsch sprechen und viele von ihnen – wie die Elmurzajew-Mädchen – weiterführende Schulen besuchen.

So wird am 30. Juni in Groß Flottbek nicht nur eine Holzhaussiedlung abgerissen werden, sondern auch eine wahr gewordene Vision: die gelungene Integration fremder Menschen. Die ganze Republik diskutiert, wie Zuwanderung zu meistern sei, wie ein gedeihliches Zusammenleben der Kulturen aussehen könnte und welche Anstrengungen es kostet, Einwanderer im Land heimisch werden zu lassen – und gleichzeitig löscht die Hamburger CDU-Regierung das Paradebeispiel eines solchen Miteinanders von der Landkarte und schafft Platz für eine Brache.

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