Die Pille für das Fett danach

Der Cholesterinsenker wird zum Lifestyle-Medikament

Wohin er auch geht, dem Protagonisten eines amerikanischen Werbespots stellen sich Frittenbuden in den Weg. Süße Donuts kreisen in seinen Gedanken. Aber der Mensch muss der Versuchung widerstehen. Schließlich hat sein Arzt ihm das Cholesterin-Orakel gelesen und umgehend ein Fettverbot ausgesprochen. Dann aber naht plötzlich die pharmazeutische Rettung: Crestor! Wer die Cholesterinbremse einwirft, so lautet die Heilsbotschaft, darf wieder schlemmen nach Lust und Laune.

Selten wurde nach Viagra eine potente Arznei so offen als Lifestyle-Droge angepriesen. Auch ohne Askese, suggeriert die Werbung, kann der Fettpegel im Blut mühelos mit einer Pille in Schach gehalten werden. Zu viel Cholesterin ist nicht mehr eine Aufforderung, mehr Grünzeug zu knabbern und Klimmzüge zu üben, sondern ein lässliches Übel, für das es eine chemische Lösung gibt. Leider steht in den USA zwischen dem Medikament und der Erlösung noch das Rezept.

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Besser haben es die Briten. Von Juli an gibt es auf der Insel weltweit erstmals den Cholesterinsenker Simvastatin ohne Rezept. Eigentlich soll die Aktion die Hemmschwelle senken, das herzschützende Medikament einzunehmen. 100000 Herzinfarkt-Opfer weniger versprechen sich die Zulassungsbehörden von diesem Schritt. Der Konsument braucht in der Apotheke bloß einen Fragebogen auszufüllen, schon erhält er eine niedrig dosierte Version der Pille gegen überbordende Blutfette.

Die Gefahr ist indes, dass die Öffnungsklausel das Gegenteil von gelungener Prophylaxe bewirkt. Viele Hobbyärzte werden fortan Prävention in Eigenregie praktizieren. Mit unabsehbaren Folgen: Die einen brauchen die Pillen nicht. Die anderen ahnen nicht, dass gerade ihr entgleister Stoffwechsel eine viel kräftigere Dosis braucht. Und dann gibt es noch die Bequemen mit schlechtem Gewissen. Mit der neuen pharmakologischen Rückendeckung verlieren die täglichen Fish-&-Chips-Sünden, ja sogar das englische Frühstückswürstchen ihren Schrecken. Auf die Guinness-Orgie folgt ein Aspirin, auf den Lammrücken in Pfefferminzsoße in Zukunft die frei erhältliche Cholesterinbremse.

Was für ein Segen! Besonders für den Hersteller von Simvastatin. 2003 ist sein Patent darauf abgelaufen, folglich bleiben Einnahmen aus. Gut, dass er nun die breite Masse als Kundschaft hat. Harro Albrecht

 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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  • Schlagworte Viagra | Medikament | Aspirin | Prävention | USA | Askese | Apotheke | Schach | Patent
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