Inszenierung Es werde HellerSeite 4/4

Fragt man André Heller, ob es in all den ästhetischen Sensationen nicht doch die Sprache ist, die ihm letztlich am nächsten sei, antwortet er mit einer Anekdote über seine Zeit im Internat. So liegt es an einem selbst, zu behaupten, dass es vor allem die Chansons sind, die ihn am deutlichsten in seiner Vielfalt zeigen: als lustvoll aggressiven Wiener, der gemeinsam mit seinem Freund, dem wundervollen Rezitator und Schauspieler Helmut Qualtinger, »Bei mir seid ihr alle im Arsch daheim und ich bin dem Arsch sein Abszess« singt; als beständig zwischen Zu- und Abneigung schwankenden Sohn seiner Stadt (»Wien, du bist eine Puffmadame«) und seiner Kultur (»Abendland, ich achte und verachte dich«) und als Autor bleibender Textzeilen. Fünfzehn LPs produzierte Heller, bis er 1983 damit Schluss gemacht hat. Kaum jemand der mittleren Generation, der nicht irgendeines seiner Lieder kennt, ob als glühender Verehrer oder als ebenso glühender Hasser des Sängers.

André Heller ist 57 Jahre alt. Sein ehedem hageres Gesicht ist fülliger geworden, das Haar und der Bart grau, seine Gesten und sein Gang wirken etwas verschleppt. Es ist zu früh für das große Resümee, und doch zwingt einen der Versuch, sein Leben zu schildern, zu radikalen Verknappungen. »Schreiben Sie einen Nachruf auf mich«, schlägt Heller vor, »denn im Prinzip stirbt man ja ohnehin jeden Tag.« Und dann sagt er: »Alle fünf Jahre ist man jemand ziemlich anderer.« Wenn sich Heller in etwas täuscht, dann darin. Denn in all den Mäandern seines Werkes ist er Wesentlichem treu geblieben. So hat er vor kurzem eine CD namens Ruf und Echo aufgenommen, gemeinsam mit Musikern wie Xavier Naidoo, Thomas D und Brian Eno. In sechs Jahren werde er noch eine allerallerletzte machen, denn für bestimmte Wienerlieder, die Paul Hörbiger oder Hans Moser gesungen haben, müsse man über 60 Jahre alt sein. Und er erzählt mit Funkeln in den Augen von einem seiner jüngsten Projekte, bei dem er Gerhard Schröder und Claudia Schiffer in Zürich dazu gebracht habe, während der Abschlusspräsentation für die Fußballweltmeisterschaft 2006 im Bühnenhintergrund zu stehen, eine Dreiviertelstunde lang, schweigend und daumendrückend.

»Diese Szene hatte etwas von jenen practical jokes , die Qualtinger und ich früher gerne gemacht haben.« Mit dem bekannten Resultat: Deutschland wird die WM austragen und Heller deren Kulturprogramm gestalten – und auf dem Weg dorthin noch jede Menge kleiner und großer Projekte: So wird Ende Juni erstmals ein Magazin namens Anstoß erscheinen, das die ungleichen Zwillinge Kultur & Fußball zusammenbringt, wird der bekannte Ausstellungskurator Harald Szeemann im Herbst kommenden Jahres eine Großausstellung zeigen, die ihre zeitgenössischen Kunstobjekte entlang der Assoziationskette Beschleunigung–Spiel–Leder zusammenträgt; von diesem Sommer an werden Literaten wie Imre Kertész, Herta Müller, Tankred Dorst, Claudio Magris und Robert Schindel in internationalen »Trainingseinheiten« über »Welt-Literaturen« nachdenken, wird gemeinsam mit der Berlinale ein Kurzfilmwettbewerb zum Thema Fußball ausgelobt und der Fußball-»Globus« – eine mobile Ausstellungshalle in Form eines Fußballs, in der auch die ZEIT Lesungen veranstaltet hat – weiter durch Deutschland rollen, nach Leipzig und Hamburg.

Doch, etwas Entscheidendes hat sich verändert: Den handgranatenjonglierenden Heller hat er hinter sich gelassen. Und mit den ständigen Selbstzweifeln, den Kämpfen mit den Lordsiegelbewahrern der Hochkultur, die ihn seit Jahrzehnten schmähen und gegen die er polemisiert, ist es vorbei – zumindest in diesem Moment: »Vieles war und ist von der Haltung getragen: Okay, versuchen wir’s. Vielleicht verwandelt es mich günstig.«

 
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