Erfinden ist ganz offensichtlich keine körperliche Arbeit. Ansehnliche Bäuche wölben sich über den Hosenbünden der meisten Anwesenden. Auch muss viel geraucht werden. Doch der Kopf bleibt klar: Beim Erfinderstammtisch der Innovationsgesellschaft Eifel, am Küchentisch von Friedhelm Limbeck, gibt es nur alkoholfreies Bier.

Gerade tritt Arno Giehl zur Tür herein. "Und? Zeig mal her!", schallt es ihm entgegen. Giehl öffnet die Hand und legt das Ding auf den Tisch. Sein Ding. Die Erfindung, in die er angeblich schon 200000 Euro investiert hat. Für die er seinen Beruf an den Nagel gehängt hat. Sie ist seine Zukunft, sein Leben: die "schnelle Mutter".

Jeden Donnerstag um acht trifft sich die IG Eifel beim Gründer Limbeck in Bad Münstereifel, etwa 40 Kilometer südwestlich von Köln. Mal sind es acht wie heute, mal mehr als 20; insgesamt gibt es gut 200 Mitglieder. Nicht nur Erfinder. Auch an Erfindungen Interessierte wie zum Beispiel den Energiegiganten RWE (Mitgliedsnummer 100). Die sich hier an den Stammtisch setzen, erwarten technische Unterstützung, rechtliche Tipps und vor allem Marketingratschläge. Oder auch nur eine erste Reaktion auf eine neue Erfindung. Heute ist Eckhard Reinsdorf dran. Der hatte schon den Bierfass-Ständer mit Antitropfvorrichtung für Partyfreunde erfunden. Aber jetzt kommt er gar nicht erst dazu, seine neueste Idee auszupacken. "Gibt’s schon!" Das ist die Höchststrafe, eine schlimmere Abfuhr kann ein Erfinder nicht erleben. Reinsdorf hatte eine Tasse präsentieren wollen, die die Temperatur des drinnen schwappenden Getränks anzeigt. Bedrückt schließt er seine Tasche wieder.

Arno Giehl spielt allem Anschein nach in einer ganz anderen Liga. Er verteilt Prospekte, weist auf seine Homepage hin (natürlich www.schnellemutter.de ) und macht ein bisschen den Propagandisten. Seine Mutter hat den Vorteil, dass sie eigentlich nicht mehr geschraubt werden muss. Sie ratscht über das Schraubgewinde, klinkt ein, eine viertel Umdrehung – und fest sitzt sie. Genauso geht sie runter: ein Dreh – und abziehen. Prima für Vielschrauber, lange Gewinde, vermurkste Gewindeköpfe. Oder für Wartungsarbeiten im AKW, wo Arbeiter binnen Minuten ihre Jahresstrahlendosis abkriegen und alles ganz schnell gehen muss. Mit viel Geld hat sich Giehl weltweit die Patente gesichert. Nun wartet er auf die Ernte. Oder genauer: auf Kundschaft. Erstaunlich ist, dass selbst dieser professionelle Wirbelwind hier mit den einfachsten Fragen hockt: Wie findet man die Door-Opener? Wo trifft man "die richtigen Leute"?

Limbeck gibt am Tisch den alten Hasen. Er kennt die Tricks und Spielchen, ihm macht man nichts vor. Der Autor des Lei(d)tfadens der Patentvermarktung hat alle Höhen und Tiefen des Erfinderdaseins hinter sich und weiß, warum nur acht Promille aller Erfindungen zu Produkten werden. Entweder – das hat er schon als Jugendlicher erlebt – der Erfinder bietet seine Idee ohne Patentschutz an. Dann sitzt der Kunde "selbst schon an der Sache" und klaut die Idee. Oder die Recherche war schlecht, und das Ding gibt es schon. Oder die Erfindung geht am Markt vorbei. Oder die Präsentation beim Kunden klappt nicht.

Das Erfinden selbst, sagt Limbeck, sei das Geringste. "Alle Menschen sind Erfinder, wenige wissen es." Man müsse nur schon bei den Kindern anfangen. "Sei Kindern gegenüber geduldig, ermutige sie, den Dingen auf den Grund zu gehen, lobe, wenn sie einen Wecker zerlegen, lasse ihn aber wieder zusammenbauen" – irgendwann würden Kinder Erfinder. Limbecks Sohn Achim hält selbstredend auch sieben Patente (darunter eine Armbanduhr für Linkshänder und eine Papierfalzmaschine) und ist praktischerweise auch noch Patentrechtler. "70 Prozent der vorgestellten Erfindungen machen wir hier am Stammtisch kaputt. Vom Rest vermarkten wir 30 Prozent", behauptet Limbeck, und das wären beachtliche Resultate.

Elektronikspezialist Hans Effertz baut im Flur eine Leiter auf. Sie steht auf zwei Schalen, darinnen Drucksensoren. Wer sich – etwa beim Greifen nach fernen Pflaumen – auf dieser Leiter zu weit zur Seite lehnt, wird akustisch zunehmend intensiv gewarnt. Eine "intelligente Leiter" mit Computer, mag sein, dass sie noch gefehlt hat. Praktisch, dass Erfinderkollege Matthias Pfüller morgen eine Leiterfirma besucht. Er hat nämlich eine Trittleiter erfunden, die gleichzeitig Sackkarre ist. Die intelligente Leiter nimmt er gleich mal mit. So geht Networking – muss ja nicht jeder für sich Kontakte machen. Ja, das Kontakten… Das scheint eine Kunst zu sein, die kaum ein Erfinder beherrscht. Man ruft an und wird nicht durchgestellt. Die Herren sind ewig in einem Meeting. Man erreicht sie nach Wochen, Monaten – und sie versprechen einen Rückruf. Sie rufen nie zurück. Es ist schrecklich!

"Wie komm ich nur an den Verkauf von McDonald’s ran", ruft ein übers andere Mal verzweifelt Herr Hoppen in die Runde. Walter Hoppen, Rentner aus Österreich, ist erst seit drei Monaten Mitglied. Ein Jungerfinder also. Hoppen hat lauter grundsätzliche und seltsame Fragen, sodass mancher im Rund die Augen verdreht, erst recht, als sich herausstellt, dass er nicht einmal über einen Internet-Zugang verfügt. Doch an Selbstbewusstsein gebricht es ihm nicht. Siegessicher winkt er mit seinen bunten Handzeichnungen von einer Tasse mit doppeltem Boden – zwischen den Böden kann Tee, Suppenpulver oder sonst was gespeichert werden. Heißes Wasser rein, Boden löst sich auf – trinken! Noch besser ist seine "Wasserglocke", ein glockenförmiger Vorhang aus feinsten Wasserstrahlen, die bei Sommerhitze Kaffeehaustische kühlend umsprenkeln könnten.