Wer sagt da, in Deutschland gäbe es keine kreativen Ideen? Bei der Umwidmung verlassener Technikruinen in spaßige Freizeitlandschaften jedenfalls darf dieses Land wohl auf einige der kreativsten Projekte weltweit stolz sein. Da wäre etwa das "Kernwasser Wunderland" in Kalkar, hervorgegangen aus dem Schnellen Brüter. Statt eines Reaktors, der nie ans Netz ging, lockt heute am Niederrhein ein Vergnügungspark mit Free-Climbing am Kühlturm und feuchtfröhlichen Abenden in Kernie’s Kneipenstraße . In Brandenburg entstehen derweil in der ehemaligen Halle des Pleite gegangenen Luftschiffbauers Cargolifter die Tropical Islands . Der überdachte Regenwald mit Bade- und Erlebnislandschaft wird bereits als "Revolution auf den Touristikmärkten der Welt" angekündigt.

Das klingt ohne Zweifel innovativ. Bleibt nur die Frage, warum die ursprünglichen Technikvisionen so kläglich gescheitert sind. Der Technikhistoriker Reinhold Bauer hat darauf eine klare Antwort: Es musste quasi so kommen. "Das Scheitern gehört zwangsläufig zur technischen Entwicklung", sagt der Forscher von der Bundeswehruniversität Hamburg. Bauer muss es wissen. Er ist der erste Technikhistoriker Deutschlands, der sich zum Thema "Fehlgeschlagene Innovationen" habilitiert. Und das ist ein weites Feld: 85 bis 95 Prozent aller Entwicklungen gelangen nie zur Marktreife. "Erfolg ist die Ausnahme, Scheitern die Regel", fasst Bauer seine Ergebnisse zusammen.

Das gilt selbst für jene Erfindungen, die zwar zum fertigen Produkt reifen, am Ende aber doch ein Flop werden – failed innovations nennt dies der Technikhistoriker. Beispiele für solche Pleiten finden sich im Land des Toll-Collect-Desasters en masse: der Hochtemperaturreaktor THTR 300, der Siemens-Großrechner, der Telebus und der Transrapid – all diese Großprojekte wurden massiv gefördert, zum Teil bis zur Marktreife entwickelt und dann still beerdigt, auf Eis gelegt oder nach China verkauft, wo sie nun auf den Durchbruch warten. "Der Friedhof gescheiterter Innovationen ist zum Bersten voll", zitiert Bauer seinen französischen Kollegen Bernard Réal.

Dennoch ist die Erforschung innovativer Fehlschläge hierzulande (noch) kein Thema. Bauer zählt gerade einmal rund vier Dutzend Studien, die sich mit failed innovations beschäftigen – "alles Einzelfalluntersuchungen". Arbeiten mit Überblickscharakter fehlten "nahezu gänzlich". Stattdessen gäbe es eine Flut von betriebswirtschaftlichen Ratgebern, die mit – meist sehr pauschalen – Empfehlungen für Erfolgsmanagement aufwarteten. "Der Begriff Innovation wird dabei in der Regel gedankenlos mit Erfolg gleichgesetzt", klagt Bauer. So geraten jene technischen und organisatorischen Schwierigkeiten aus dem Blick, die bei jedem Projekt auftreten – und die für viele das Aus bedeuten.

Die Rhetorik des Desasters

Woher das Desinteresse? "Misserfolgsforschung ist eben negativ besetzt", sagt Bernd Kriegesmann vom Institut für angewandte Innovationsforschung in Bochum. Obwohl sein Institut seit 20 Jahren ergründe, an welchen Barrieren Innovationen scheitern, müsse man die Analysen nach außen als Erfolgsforschung verkaufen. Dabei weiß auch Kriegesmann: "Am besten lernt man aus Fehlern – und am billigsten aus den Fehlern anderer."

Just dies wird dem Fehlschlagforscher nicht leicht gemacht. Als Reinhold Bauer für seine Habilitationsarbeit deutsche Unternehmen anschrieb, konnte sich dort niemand an Misserfolge erinnern. Manche versicherten, trotz intensivster Recherche sei es nicht gelungen, in der eigenen Firmengeschichte einen Fehlschlag zu entdecken (beziehungsweise die entsprechenden Unterlagen seien leider alle vernichtet). Andere antworteten großspurig, dank "überlegener Managementmethoden" seien im eigenen Unternehmen innovatorische Fehlschläge definitiv ausgeschlossen.

Diese Rhetorik wird auch dann gepflegt, wenn das Desaster schon absehbar ist. Noch am 27. August vergangenen Jahres behauptete Toll-Collect-Manager Klaus Mangold, die Einführungsphase des satellitengestützten Mautsystems könne wie geplant am 31. August beginnen, die volle Erhebung der Maut im November 2003. Eine katastrophale Fehleinschätzung.