Im Kurgebiet
Die Verwandlung des Ruhrgebiets ist in vollem Gang. Von den Erfolgen und aus den Fehlern können andere Regionen lernen. Anschauungsunterricht in zehn Lektionen
Im Kurgebiet
Ach Ruhrgebiet! Bis heute gibt es kaum eine Politikerrede über den „Melting Pott“, die nicht das alte Diktum Willy Brandts strapaziert: Wie schön blau er wieder sei, der Himmel über der Ruhr! Als müsste man noch betonen, dass der Dreck in der Luft über Bottrop oder Castrop nicht mehr aus qualmenden Schloten, sondern seit langem wie überall sonst aus Heizung und Auspuff kommt.
Auf den vielen, oft verstopften Verkehrsadern passiert man vielmehr renaturierte Industriebrachen, durch die Damengruppen beim Nordic Walking wippen. Aus der hochschulpolitischen Wüste, die einst Kaiser Wilhelm wollte, um die Arbeiter ungebildet zu halten, wuchs seit den sechziger Jahren Deutschlands dichteste Forschungslandschaft, mit sechs Universitäten, zahlreichen Fachhochschulen und Spezialinstituten. Und eine enorme kulturelle Vielfalt aus Klaviersommern, Kabarett und Kongressen in Zechen und Gasometern.
Gewiss, monströse Bausünden gibt es auch und überalterte mausgraue Viertel mit hohem Ausländeranteil, aus denen wegzieht, wer kann. Vor allem: eine dramatische Arbeitslosigkeit von 13, mancherorts über 17 Prozent. Doch das helle, das modernisierte Ruhrgebiet ist eine – die meisten hoffen: die zukünftig prägende – Realität.
Es ist das Ergebnis eines tiefgreifenden Umbaus, von dem sich die ängstliche Bundesrepublik eines auf jeden Fall abgucken kann: dass Innovation möglich ist. Und obgleich die Abhängigkeit von einer gigantischen Monostruktur im Ruhrgebiet einzigartig war, lassen sich aus seinen Fehlern und Erfolgen beim Strukturwandel weitere Lehren ziehen.
Der Realität ins Auge blicken. Anfang der achtziger Jahre öffnete sich „das Tal der Tränen“, wie der Dortmunder IT-Unternehmer und Handelskammerpräsident Winfried Materna sagt. Da kippte die schwelende Krise der Montanwirtschaft ins Akute. Arbeitsplätze verschwanden zu Tausenden. Familien und Kommunen verloren ihre Zukunft. Stadtväter begannen, nach neuen Perspektiven zu suchen.
Endlich. Denn die Fahrt nach unten kam alles andere als unerwartet. Seit mindestens einem Jahrzehnt war die schwindende Konkurrenzfähigkeit von Stahl und Kohle absehbar gewesen. Hatte der „Beton in den Ruhrgebietshirnen“, so der gängige Spott, die verwöhnten Kruppianer und Hoeschianer blind gemacht? Für die anthropologische Konstante namens Verdrängung sollte man stets wachsam sein, meint Bernd Kriegesmann, Leiter des Bochumer Instituts für angewandte Innovationsforschung: „Der beste Motor für Neuerungen ist Leidensdruck.“
Nicht auf alte Allianzen setzen. Akteure von früher sind selten gute Neuerer. Die voll gereiften Bergbau-, Energie- und Stahlunternehmen jedenfalls wollten vor allem eines: so lange wie möglich überleben. Auf ihren Grundstücken duldeten sie niemanden neben sich und setzten durch, dass ihre Branchen dauerhaft an den Tropf öffentlicher Kassen gehängt wurden. Frührenten und Subventionen sicherten den sozialen Frieden. Doch mit Ausmaß und Dauer der Zahlungen, sagt Bernd Kriegesmann, habe der Staat zugleich das „Innovationspatt“ verfestigt: „Nach den Mitteln und der Planungssicherheit für die alten Industrien hätten wir Universitäten uns die Finger geleckt.“
Zukunftsblind, im rein betriebswirtschaftlichen Interesse rationalisierten die Ruhrkonzerne selbst ihre Forschungs- und Entwicklungsabteilungen klein. Erst 1988 holte etwa der Hoesch-Chef Detlev Carsten Rohwedder den Physiker Hans-Rudolf Folle eigens zur Bewertung neuer Technologien ins Unternehmen und begrüßte ihn mit den Worten: „Denken Sie mal wieder anders!“
Vertrauen. Als die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park, die dem Ruhrgebiet wichtige Entwicklungsanstöße gegeben hat, 1990 ausgerechnet am Ursprung der alten die erneuerbaren Energien propagierte, „da war das eine Provokation“, erinnert sich der Zukunftsforscher Rolf Kreibich. „Da hätten sie uns fast gesteinigt!“
Wenn man dringend Investoren braucht, ist man nicht mehr so wählerisch. Seit 1999 ist die Solarfabrik in Gelsenkirchen einer der wichtigsten Hersteller für Fotovoltaikmodule in Deutschland. Die „Stadt der 1000 Feuer“ heißt jetzt „Stadt der 1000 Sonnen“, der frisch gebackene CDU-Bürgermeister Oliver Wittke ruft zur Klimatour mit dem vor Ort entwickelten Brennstoffzellenfahrrad, und auf der ehemaligen Zeche Mont Cenis in Herne steht die Avantgarde der Solararchitektur.
Schuld am allzu langen Widerstand gegen solche Neuerungen war auch unbewegliches, altes Denken. Mentale Blockaden gegenüber Technologien, die komplex und raffiniert, nicht zentralistisch und gigantisch sind. Oder, wie der Mediziner Dietrich Grönemeyer an der Bochumer Ruhr-Universität sagt, dessen mikrochirurgische Therapien lange auf ähnliche Ressentiments stießen: „Im Ruhrgebiet zählt heute nicht mehr das große Grobe, sondern das kleine Feine.“
Misstrauen. Die Suche nach Auswegen machte Politiker andererseits anfällig für goldene Innovationsregeln, die sich schnell als Moden entpuppten. Warner hatte es durchaus gegeben, als sich eine Stadt nach der anderen in den Achtzigern vergeblich zur „Medienstadt“ ernannte. Jede wollte ihr Technologiezentrum bauen – übrig blieb oft nur ein Gewerbepark mit subventionierten Büros. Oder zu viele investierten in die gleichen gepriesenen Branchen, etwa in Entsorgungsbetriebe, mit deren Angeboten die Märkte bald überfüllt waren.
Wegen solch leidiger Erfahrungen stößt man im Ruhrgebiet mittlerweile auf ein gesundes Misstrauen gegen Patentrezepte und Schlagworte. Der Dortmunder SPD-Bundestagsabgeordnete Marco Bülow fürchtet, Innovation sei „ähnlich wie Nachhaltigkeit schon ein Begriff geworden, der irgendwie auf alles anwendbar ist“. Der Bochumer Bernd Kriegesmann beklagt die erneute Verengung der Perspektive allein auf eine Hand voll Technologien, statt je nach Standort in allen Richtungen zu suchen oder auch mal alte Ideen in neue Felder zu übertragen. Ganz zu schweigen davon, dass viele Innovationen verpufften, weil weder in die Umsetzung noch in Bildung und soziale Rahmenbedingungen investiert werde.
Mit einer Handbewegung verwirft auch der Leiter des Instituts für Soziale Bewegungen in Bochum, der Historiker Klaus Tenfelde, das „inflationäre Innovationsgebrabbel über Parteienpapiere, die mal eben in zwei Stunden verfasst werden…“. Im Ruhrgebiet habe man die Aufgabe verstanden, „Stärken zu bündeln, sie in Kontexte zu setzen und in Wertschöpfungsketten zu erweitern“. Also einen hoch komplexen Prozess zu dirigieren – „das Bohren dicker Bretter“.
Konzipieren. In Dortmund, beispielsweise, scheint das zu gelingen. Vor allem, weil es ein ausgefeiltes Konzept gibt – eine Voraussetzung, die nur banal klingt. Das Ziel: Möglichst viele junge Leute und junge Unternehmen anziehen – „sonst stirbt die Region“, wie Guido Baranowski sagt.
Er leitet das Dortmunder Technologiezentrum, das als eines der besten in Deutschland gilt. 1985 wurde es unmittelbar neben den Campus gesetzt und zeigte sich streng bei der Auswahl seiner Mieter. Man wollte – das ist der Kern des Konzepts – an vorhandene Stärken anknüpfen, zur Abwehr gegen Trend-Hopping und Verzettelung.
So wurden von Anfang an Start-up-Bewerber nur aus drei Schwerpunktfeldern akzeptiert – IT, ELogistik und Mikrosystemtechnik –, für die es in der Stadt bereits starke Fakultäten oder wissenschaftliche Einrichtungen wie das Fraunhofer-Institut für Logistik gab. Von den jungen Produktentwicklern verlangt Baranowski einen Business-Plan und finanzielle Sicherheit. Hierbei kann geholfen werden, auch schon in einer sehr frühen Phase: Im Pre-Incubator-Programm seien aus 20 Beratungen 10 Gründungen hervorgegangen.
Als glücklich erwies sich, dass es um das Technologiezentrum herum Platz genug für jene Unternehmen gab, die aus der ersten Entwicklungsphase heraus sind. So entsteht tatsächlich das angestrebte Milieu, in dem sich Hochschule, Entwickler und Industrie gegenseitig befruchten. Studenten jobben in den Firmen, schreiben dort Diplomarbeiten, manchmal können sie gleich bleiben. Oder Mikrosystembetriebe gründen einen Ausbildungsverbund. Nur 12 Insolvenzen bei 260 neuen Firmen und 8500 hoch qualifizierte Arbeitsplätze sind die stolze Bilanz; rund 4000 nachgeordnete Dienstleistungsjobs rechnet der unermüdliche Baranowski noch dazu.
2000 startete das Dortmund-Projekt. Dieses Konzept zu finanzieren, in dem McKinsey die erprobten Ansätze der Kommune nur noch einmal zuspitzte, war „Thyssens letzte Wohltat“, wie die Dortmunder sagen, ehe die Platinenproduktion des Konzerns nach Wolfsburg abzog. Fünf Kompetenzzentren – neben den drei genannten Schwerpunkten je eines für Biomedizin und Roboterentwicklung – sollen seither die Umsetzung neuer technischer Ideen noch gezielter beflügeln.
So werden in der Microsystem Factory jungen Unternehmern Labors und Reinräume zur Verfügung gestellt. Investoren würden gesucht, Finanzierungsrunden organisiert, berichtet der Leiter der Factory, jener frühere Technologie-Scout bei Hoesch, Hans-Rudolf Folle. Keine leichte Aufgabe. Banken wie private Kapitalgeber gehören auch in Dortmund nicht zu den Risikofreudigsten. Am ehesten ist auf die öffentliche Sparkasse Verlass.
Fünf Millionen Euro pro Jahr lässt sich die Stadt das Dortmund-Projekt kosten. Soll noch ein Unternehmer behaupten, der Staat sei obsolet geworden! Auch wenn Dortmund mit den angestrebten 70000 Arbeitsplätzen in zehn Jahren den Mund etwas zu voll genommen haben dürfte: Das Konzept zeigt Wirkung. 660 IT-Firmen entstanden seit den späten Achtzigern in der Stadt, 640 Logistikfirmen mit 21600 Arbeitsplätzen; zuletzt hat Ikea auf dem weiträumigen früheren Lagerplatz für die nationalen Kohlereserven sein Auslieferzentrum für ganz Deutschland errichtet.
Gewiss, die „Westfalen-Metropole“ spielt im Ruhrgebiet eine Sonderrolle. An dessen Ostrand profitiert sie von einem Hinterland, das bis ins Sauerland reicht. Früher als etwa im gebeutelten Gelsenkirchen gab es hier eine Uni. „Doch unsere Arbeitsweise ist übertragbar“, da ist Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer überzeugt.
Neue Allianzen schmieden. Zum Konzept gehört auch, möglichst viele einzubinden. Schon in den achtziger Jahren hatte die Stadtverwaltung den „Dortmunder Konsens“ herbeigeführt, der alte Seilschaften verdrängte. Er umfasst Unternehmen, Verwaltung, Politik, Wissenschaft, Universität, Gewerkschaften und Banken und bindet sie teilweise als Gesellschafter des Technologiezentrums ein. Auch deshalb fallen sonst langwierige Entscheidungen schneller, so wie jene der Universität, für den Nachwuchsbedarf der Innovationsprojekte mal eben einen neuen Studiengang einzurichten.
Handelskammerpräsident Winfried Materna macht darüber hinaus einen neuen Bürgersinn jenes wachsenden Mittelstands aus, der vor allem die ganze Entwicklung trägt. Bei einer Veranstaltung des Gründerwettbewerbs mit dem albernen Titel „start2grow“ auf einem ehemaligen Hochofengelände ist das Engagement für die Stadt zu spüren. Patentanwälte, Personal- und Marketingberater, Ingenieure – auf der Liste des Dortmund-Projekts stehen 500 Namen – bieten sich ehrenamtlich jungen Ideenproduzenten (aber wohl auch: potenziellen Geschäftspartnern) als „Coaches“ an.
Die soziale Realität nicht vergessen. Nicht auszudenken, wie viel höher die Dortmunder Arbeitslosenquote von 15 Prozent ohne all diese Anstrengungen wäre. Doch die nüchterne Feststellung lautet auch: Die Kurve steigt weiter. In der Agentur für Arbeit hinter dem Bahnhof melden sich längst nicht mehr viele ausgemusterte Kumpel, sondern junge Leute und Unausgebildete. Sichtbar ist diese Stadt wie andere gespalten in aufgeräumte Viertel und solche, wo vor allem Kioske und Spielhallen boomen. Könnte es sein, dass mindestens ein Viertel der Bevölkerung von der ganzen High-Tech-Innovation nichts hat – auch weil es teilweise Rationalisierungstechnologien sind? Ist das eine Erkenntnis, vor der heute die Augen verschlossen werden, weil nur eine Minderheit den Leidensdruck spürt? Schon frühere Initiativen wie die Ansiedlung von Dienstleistungsunternehmen haben sich als Wettrennen des Innovationshasen mit dem Arbeitslosigkeitsigel erwiesen.
Zwar schaffen Logistik und Informatik im Gefolge durchaus auch für Handwerker, Bürokräfte und – in geringem Maße – Montagearbeiter neue Beschäftigung, und Oberbürgermeister Langemeyer rechnet vor, dass die Stadt für Beschäftigungsprogramme jedes Jahr dreimal so viel Geld ausgebe wie für das Dortmund-Projekt. Doch innovativ ist das nur begrenzt. Und auch Winfried Materna gesteht, dass „für die praktisch Begabten zu wenig getan“ werde.
Wie kriegt man ausländische Jugendliche zum Lernen? Wie kann man Arbeit teilen; wie einfache Beschäftigung schaffen; wie die Menschen ohne Arbeit dennoch einbinden? Wie kommen Alt und Jung zusammen? Wie mischt man die Bevölkerung in den Stadtvierteln, wie werden Ruhrgebietswohnungen attraktiver? Und wie lässt sich das alles finanzieren? Antworten auf solche Fragen gibt es zwar in vereinzelten Modellen. Doch es fehlt ein Dortmund- oder Ruhrgebiet-Projekt für soziale Innovation, das ähnlich forsch wie das technologische angepackt würde.
Kooperieren. Der heftige Streit um eine Metropole namens „Ruhrstadt“, die mit 5,5 Millionen Einwohnern Berlin weit übertrumpfen würde, ist nun wirklich regionalspezifisch. Vermutlich wird der Versuch, die Zahl der Konzerthäuser und die Breite der Straßenbahnspuren zwischen Essen und Duisburg, Bochum und Gelsenkirchen zu koordinieren, nicht nur an der Angst vor einem Verwaltungsmoloch, sondern auch am Hochmut der Bessergestellten scheitern. „Manhattan“, sagen manche Dortmunder, „saniert auch nicht die Bronx.“
Kooperation immerhin bahnt sich an: Bei der Expo trat das Ruhrgebiet erstmals gemeinsam auf. Die sonst eifersüchtigen Hochschulen haben, auch unter dem Druck der Düsseldorfer Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft, begonnen, miteinander zu reden. Exemplarisch bündelt der Verein Biomed Tech medizinische Forschungsvorhaben in den Unis Witten-Herdecke, Essen und Bochum mit medizintechnischen in Dortmund und Duisburg. Dabei will Dietrich Grönemeyer nicht nur Disziplinen zusammendenken und Ressourcen optimieren, sondern auch „ganz neue vernetzte Systeme“ aus High-Tech- und Alternativmedizin, Medizintourismus, Erholung, Kur, gesundem Klinikessen und Altenpflege schaffen, die sowohl akademischen wie sozialen Berufen neue Arbeit bringen könnten – im Kurgebiet!
Drüber reden! Grönemeyer ist einer der wenigen, die ihre Aktivitäten stets offensiv vermarktet haben. Das tue das Ruhrgebiet sonst zu wenig, findet er: „Der Wandel fand in aller Stille statt.“ Vielleicht ist daran der Minderwertigkeitskomplex derer schuld, die dachten, sie gehörten längst zum alten Eisen. Dabei kann das Ruhrgebiet mit so vielem punkten. Zum Beispiel, und das ist kein Klischee, mit der vielfach auf die Probe gestellten Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Milieus – elementar in einer alternden Gesellschaft, die auf Zuwanderung angewiesen ist. Oder mit einer angesichts der brutalen Arbeit unter Tage gestählten, anderswo im Land seltenen Unerschütterlichkeit: „Ärmel hoch, wir schaffen das schon.“
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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