Im KurgebietSeite 6/6
Wie kriegt man ausländische Jugendliche zum Lernen? Wie kann man Arbeit teilen; wie einfache Beschäftigung schaffen; wie die Menschen ohne Arbeit dennoch einbinden? Wie kommen Alt und Jung zusammen? Wie mischt man die Bevölkerung in den Stadtvierteln, wie werden Ruhrgebietswohnungen attraktiver? Und wie lässt sich das alles finanzieren? Antworten auf solche Fragen gibt es zwar in vereinzelten Modellen. Doch es fehlt ein Dortmund- oder Ruhrgebiet-Projekt für soziale Innovation, das ähnlich forsch wie das technologische angepackt würde.
Kooperieren. Der heftige Streit um eine Metropole namens „Ruhrstadt“, die mit 5,5 Millionen Einwohnern Berlin weit übertrumpfen würde, ist nun wirklich regionalspezifisch. Vermutlich wird der Versuch, die Zahl der Konzerthäuser und die Breite der Straßenbahnspuren zwischen Essen und Duisburg, Bochum und Gelsenkirchen zu koordinieren, nicht nur an der Angst vor einem Verwaltungsmoloch, sondern auch am Hochmut der Bessergestellten scheitern. „Manhattan“, sagen manche Dortmunder, „saniert auch nicht die Bronx.“
Kooperation immerhin bahnt sich an: Bei der Expo trat das Ruhrgebiet erstmals gemeinsam auf. Die sonst eifersüchtigen Hochschulen haben, auch unter dem Druck der Düsseldorfer Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft, begonnen, miteinander zu reden. Exemplarisch bündelt der Verein Biomed Tech medizinische Forschungsvorhaben in den Unis Witten-Herdecke, Essen und Bochum mit medizintechnischen in Dortmund und Duisburg. Dabei will Dietrich Grönemeyer nicht nur Disziplinen zusammendenken und Ressourcen optimieren, sondern auch „ganz neue vernetzte Systeme“ aus High-Tech- und Alternativmedizin, Medizintourismus, Erholung, Kur, gesundem Klinikessen und Altenpflege schaffen, die sowohl akademischen wie sozialen Berufen neue Arbeit bringen könnten – im Kurgebiet!
Drüber reden! Grönemeyer ist einer der wenigen, die ihre Aktivitäten stets offensiv vermarktet haben. Das tue das Ruhrgebiet sonst zu wenig, findet er: „Der Wandel fand in aller Stille statt.“ Vielleicht ist daran der Minderwertigkeitskomplex derer schuld, die dachten, sie gehörten längst zum alten Eisen. Dabei kann das Ruhrgebiet mit so vielem punkten. Zum Beispiel, und das ist kein Klischee, mit der vielfach auf die Probe gestellten Toleranz gegenüber anderen Kulturen und Milieus – elementar in einer alternden Gesellschaft, die auf Zuwanderung angewiesen ist. Oder mit einer angesichts der brutalen Arbeit unter Tage gestählten, anderswo im Land seltenen Unerschütterlichkeit: „Ärmel hoch, wir schaffen das schon.“
- Datum 27.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 27.05.2004 Nr.23
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