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die zeit: Kürzlich gab es in Frankreich eine Kontroverse darüber, ob Gao Xingjian ein chinesischer oder ein französischer Schriftsteller sei.

Gao Xingjian: Ich bleibe immer ich selbst. Ob ich Chinesisch schreibe oder, wie neuerdings, Französisch, macht keinen Unterschied. Gewiss, ich habe die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Aber das interessiert höchstens Theoretiker. Ein Schriftsteller schreibt, was er will. Das ist alles.

zeit: Und trotzdem ist die chinesische Kultur, ihre ganze Tradition, untrennbar mit Ihrer Arbeit als Schriftsteller und als Maler verwoben.

Gao: Meine Leidenschaft gilt der klassischen chinesischen Tradition, die mich von früh auf geprägt hat. Wir haben davon so viel verloren! Wer erst unter den Kommunisten aufgewachsen ist, kennt nichts anderes. Ich habe das Glück, zwei Epochen in mir zu vereinen. Durch ihre Erziehung war meine Mutter stark von der abendländischen Kultur beeinflusst. Ich war mit ihr schon als Kind im Theater und im Kino. Mit fünf stand ich neben ihr auf der Bühne. Als Gymnasiast las ich die großen Autoren, Russen, Engländer, Amerikaner, Franzosen, griechische Tragödien – die westliche Kultur ist mir nicht fremd. Die Unterdrückung trieb mich geradewegs in die klassische und antike chinesische Kultur.

zeit: Gibt es sie noch?